
Worum es in dieser Serie geht
Zwischen Mythos und Romantisierung
Ich skizziere erstmal eine Situation, die vielen wahrscheinlich bekannt vorkommt: Ich sitze zu Hause an meinem Schreibtisch vor dem Computer. Natürlich ist niemand außer mir da. Ich bin absichtlich früh aufgestanden, damit ich am Morgen mit dem Schreiben beginnen kann. Vor mir liegen Bücher, eigene Notizen und neben dem Schreibprogramm sind einige PDFs geöffnet. Die Zimmertür ist geschlossen, das Handy liegt nicht in Reichweite und ich habe Ruhe.
Das ist doch super. So muss das doch mit der Hausarbeit funktionieren. Das sind doch die idealen Rahmenbedingungen zum Schreiben. Oder etwa nicht? Nichts an diesen Umständen ist falsch und für manche mag dieses Setting in einem sehr produktiven Schreibtag enden. Nur sollte niemand denken, dass dies der Idealzustand ist, den es zu erreichen gilt. Dieser Mythos ist mir in Beratungen und generell in Gesprächen übers Schreiben häufig begegnet. Die Vorstellung, dass man allein, abgeschottet, immer am gleichen Arbeitsplatz ab früh morgens schreiben muss. Am besten sogar so lange – und jetzt übertreibe und romantisiere ich absichtlich –, bis einem tief in der Nacht die Augen zufallen, weil die flackernde Kerze, die einzige Lichtquelle, erlöscht und mit ihr meine Energie für diesen Tag.
Aber wie sonst?
Ich, alleine zu Hause
Sie sind zwar allein für die Hausarbeit verantwortlich, das bedeutet aber nicht, dass Sie beim Lesen, Denken, Schreiben allein sein müssen. Verabredungen mit Freund*innen, das Umfunktionieren vom WG-Küchentisch zum Co-Working-Space, der Besuch eines Cafés oder einer Badestelle an der Ruhr – es gibt viele Möglichkeiten, aus der heimischen Abschottung raus in eine belebtere Umgebung zu wechseln. Dabei geht es nicht darum, Ablenkung zu suchen, sondern für manche sind Hintergrundgeräusche teilweise hilfreich oder sogar anregend, für manche ist eine Umgebung, in der auch gelesen oder getippt wird, anregend.
Eine andere Möglichkeit ist das Schreibcafé oder eine unserer Schreibgruppen (Stand September 2026 laufen gerade zwei, eine online und eine in Präsenz). Im Schreibcafé kommen täglich dutzende Menschen zusammen, um in einer produktiven Atmosphäre an eigenen Texten zu schreiben. Teilweise kommen kleine Gruppen und manchmal wird etwas getuschelt, teilweise kommen Studierende allein, die dann aber – vermute ich – nicht ganz allein bleiben wollen. Ähnlich ist es bei den Schreibgruppen: Studierende treffen sich zu einem vereinbarten Zeitpunkt, um an ihrem Projekt zu arbeiten, online oder in Präsenz. Weitere Anregungen zum gemeinsamen Schreiben finden Sie hier.

Am Schreibtisch
Manchmal ist es also sinnvoll, den eigenen Schreibtisch zu verlassen, manchmal kann man aber auch am eigenen Schreibtisch Änderungen vornehmen, die das Schreiben angenehmer machen können. Ein paar Bücher oder eine Kiste machen den normalen Schreibtisch schnell zu einem Stehtisch und ermöglichen es, die Shrimp-Haltung aufzulösen und dem Rücken etwas Entspannung zu gönnen.
Ein Ortswechsel kann auch gezielt für verschiedene Zwecke genutzt werden. Er kann einerseits einen Neuanfang darstellen, gerade wenn es am alten Ort nicht so gut lief. Andererseits kann er auch deutlicher machen, dass gerade eine Pause stattfindet, weil man sich vom eigentlichen Arbeitsplatz entfernt.

Vorm Computer
Auch zum Computer gibt es Alternativen, zumindest für manche Aspekte des Schreibprozesses. Natürlich wird die endgültige Fassung am Computer geschrieben, aber vorher gibt es durchaus Dinge, die nicht digital passieren müssen: Eine kurze Liste mit ungeordneten Stichworten, die in einem Absatz vorkommen sollen; eine erste Skizze der Gesamtstruktur der Arbeit; eine erste Gedankensammlung und -ordnung zu einem neuen Thema – manchmal kann es hilfreich sein, handschriftlich zu arbeiten, auch auf einem größeren Zettel als A4. Und es muss nicht mal geschrieben werden: Malen Sie die erste Struktur für Ihren Text oder – angelehnt an einen Workshop, den ich mal besucht habe – bauen Sie etwas mit Lego. Schöne Materialien können Freude machen, den Arbeitsprozess auflockern, ohne ihn zu unterbrechen, und darüber hinaus inspirierend sein.
Mir geht es zumindest oft so, wenn ich einen Text vorbereite, bspw. auch diesen Blogartikel, dass mir Aufgaben handschriftlich leichter fallen. Natürlich muss ich irgendwann an den Computer zurück, aber ich muss eben nicht alles vor dem Bildschirm machen. Ich kann zumindest für mich sagen, ich habe so auch schon genug Bildschirmzeit und ich bin wirklich nicht böse darum, wenn ich das reduzieren kann.

Umringt von Notizen und Büchern
Ab früh morgens
Da es unser aller Ziel ist, vorbildliche Mitglieder*innen unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft zu sein, wissen wir ganz genau, dass jeder Arbeitstag früh beginnen muss, weil man das ja so macht (Achtung: Ironie). Aber was ist, wenn das Schreiben für mich morgens, sagen wir mal ab 07.30 Uhr, gar nicht so gut funktioniert? Ich kann einiges dafür tun, um ins Schreiben zu kommen, aber ich muss mich nicht zwingen. Ist es denn schlimm, wenn ich erst um 11 Uhr oder sogar am Nachmittag anfange und trotzdem alles schaffe? Ich glaube nicht …
Natürlich gibt es Situationen, bspw. zwei Tage vor der Abgabe, in denen jede Minute gebraucht wird. Ich möchte auch nicht dafür argumentieren, dass Sie auf eine Eingebung, einen Geistesblitz oder eine Muse warten sollen. Mir geht es darum, dass Sie Ihre eigenen Kapazitäten gut einschätzen und gezielt nutzen lernen. Wenn ich merke, dass mein Gehirn früh morgens noch nicht auf Hochtouren läuft, kann ich vielleicht erst meine Wohnung aufräumen, wovor ich dann Ruhe habe, wenn ich mich später an meine Hausarbeit setzen muss.
Grundsätzlich kann ich in zwei Richtungen denken: Wenn ich meinen Tag, der frei von Terminen und Verpflichtungen ist, frei gestalten kann, kann ich überlegen, welche Aktivität (Lesen, Schreiben, Verzeichnisse anlegen etc.) zu welchen Uhrzeiten am besten für mich funktionieren. Indem ich mir ähnliche Tage aus der Vergangenheit anschaue und reflektiere, kann ich erkennen, was gut funktioniert hat und was ich ggf. anpassen möchte. Wenn ich aber einen Tag habe, an dem ich mehrere Termine habe und nur zwischen diesen Terminen kurze Blöcke an freier Zeit, kann ich überlegen, wie ich diese Lücken produktiv und zielführend nutzen kann. Für mich funktioniert es bspw. nicht, wenn ich 30 Minuten habe und eine Rohfassung schreiben will. Dafür brauche ich mit der notwendigen Vorbereitung und Planung einfach länger und ich kann mich dann auch schwer auf die Aufgabe einlassen. Ich kann aber in 30 Minuten an Verzeichnissen arbeiten, da das für mich eher ein systematisches Abarbeiten ist, worauf ich mich nicht einlassen muss. Weitere Anregungen zu Schreibzeiten und Schreiborten finden Sie hier.
In Ruhe
Ich glaube, der Aspekt „in Ruhe schreiben“ bedeutet für die meisten wahrscheinlich gar nicht mehr in Stille zu schreiben. Ich vermute, in Ruhe schreiben bedeutet eher, angenehmere Geräusche als Hintergrundbeschallung zu nutzen als wirkliche Stille oder den Baustellenlärm auf dem Campus. Im Schreibcafé, in Bibliotheken, an vielen Stellen sehe ich Menschen arbeiten, die Kopfhörer tragen, und die Vermutung, dass viele davon Musik oder Podcasts hören, ist nicht zu gewagt.
Ich finde diesen Aspekt aber trotzdem erwähnenswert, weil er in Beratungen häufig genannt wird. Studierende berichten, dass sie Hintergrundbeschallung nutzen. Ich selbst habe mich lange dagegen gewehrt, weil ich dachte, absolute Ruhe gehöre zum Arbeiten dazu. Ich weiß nicht mehr, warum ich das gedacht habe, aber mittlerweile nutze ich grob geschätzt bei 50% meiner Schreibzeit Musik oder dokumentarische Videos als Hintergrundbeschallung. Und wenn mir jemand erzählt, dass sie es beim Schreiben braucht, von ihrer Lieblings-Death-Metal-Band in voller Lautstärke angeschrien zu werden, denke ich mir nur, gut für dich, dass du für dich entdeckt hast, wie du gut schreiben kannst. Wenn Sie allerdings feststellen, dass Sie beim Lesen eines anspruchsvollen Textes (oder so was) immer wieder hängen bleiben, dann probieren Sie es auch einmal mit weniger Hintergrundbeschallung.
Schreiben
Bevor ich diesen Aspekt aufgreife, möchte ich sagen, dass ich hier nicht diskutieren will, was es im Fachdiskurs bedeutet „zu schreiben“, d.h. welche kognitiven und physischen Aktivitäten damit verbunden sind.
Die Leitfrage für diesen Absatz ist eher: Wie kann ich meine Gedanken so festhalten, dass sie als Text auf meinem Bildschirm erscheinen? Das geht, wie es meistens gemacht wird, indem man ein Schreibprogramm, bspw. Word, öffnet und auf einer Tastatur tippt. Ich kann definitiv nicht so schnell tippen, wie ich denken oder sprechen kann, und ich merke, dass mich das Tippen manchmal etwas ausbremst. Eine Alternative zum Tippen ist ein Sprache-zu-Text-Programm, wie es teilweise in Word schon vorhanden ist. Das funktioniert sicherlich nicht perfekt, ich merke aber, dass ich so teilweise deutlich schneller zu einer ersten Rohfassung komme.
Es muss aber gar nicht auf einen Text abzielen. Die Sprach-Memo-Funktion auf (wahrscheinlich allen) Smartphones kann auch dazu genutzt werden, um bspw. spontane Ideen oder komplexe Gedankenkonstrukte, die man gerade nicht in Schrift fassen kann, festzuhalten.
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