Vom Gedanken zum Text: Freewriting und Co

Beitragsbild: Vom Gedanken zum Text: Freewriting, über Zitate schreiben, Dreisatz
Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie aus einem flüchtigen Gedanken ein präzise formulierter Text wird? In diesem Blogbeitrag stelle ich Ihnen drei Schreibübungen vor, mit denen wir unsere Ideen verbalisieren, strukturieren und in klare Form bringen können.

„Ich verstehe das nicht“, seufzt A. in meiner Sprechstunde. „Ich weiß genau, worauf ich in meiner Arbeit hinauswill, aber trotzdem tue ich mich so schwer damit, zu schreiben. Was mache ich nur, wenn ich nicht rechtzeitig fertig werde?“

So wie A. geht es vielen Studierenden, vor allem jenen, die noch wenig Schreiberfahrung haben. Das Projekt „Abschlussarbeit“ wirkt zunächst so einschüchternd, dass viele Studierende sich gehemmt fühlen: Ist das, was ich schreibe, gut genug? Wie stelle ich sicher, nicht auf dem sprichwörtlichen Holzweg zu sein? Und käue ich nicht doch nur wieder, was andere vor mir geschrieben haben? Es mag seltsam klingen, doch solche und ähnliche Fragen lassen sich erst im Laufe eines Schreibprojektes beantworten. Soll heißen: Will ich feststellen, ob meine Gedanken brauchbar oder banal sind, muss ich zunächst ins Schreiben kommen, um diese Gedanken überhaupt erst entwickeln zu können. Ich selber habe auch lange gedacht, erst einmal gründlich über mein Thema nachdenken zu müssen, bevor ich einen guten Text dazu schreiben könne. Aber das Gegenteil ist meist der Fall! Viele Gedanken entstehen erst während des Schreibens, nicht davor. Um diese Entwicklung anzustoßen, müssen wir zunächst unseren „inneren Kritiker“ leiser stellen – diese nervige Stimme in unserem Hinterkopf, die uns mit lästigen, manchmal sogar gemeinen Hinweisen „beglückt“: „Das kannst Du doch nicht so stehen lassen! Das soll man Dir glauben? Was soll das eigentlich alles?“

Dieser innere Kritiker ist das größte Hindernis auf unserem Weg vom Gedanken zum (geplanten) Text. Umso wichtiger ist es, ihn stumm zu schalten, damit wir endlich produktiv werden können. Wie wir dies bewerkstelligen können, zeige ich Ihnen im Folgenden anhand meiner drei Lieblingsübungen, um endlich „vom Gedanken zum Text“ zu kommen.

1. Freewriting

Diese Methode ist anstrengend, aber äußerst hilfreich bei der Erstellung wissenschaftlicher Texte. Eines vorweg: ich hasse sie! Kern des Freewritings ist nämlich der Zeitdruck, auf dem diese Übung basiert. Deshalb nutze ich es nur, wenn mein Schreibprojekt wirklich stockt, und ich keine Ahnung habe, wie es weiter gehen könnte. Dann aber erweist sie sich als hocheffektiv, und ich bin immer wieder überrascht, wie sich die Gedanken durch diese Übung im wahrsten Sinne des Wortes ‚entwickeln‘.

Ich empfehle, das Freewriting handschriftlich auszuprobieren. Es kann aber auch an einer Tastatur durchgeführt werden. Sonst benötigt man nur noch einen Timer (oder Eieruhr, Wecker… was auch immer). Zum Einstieg und ersten Ausprobieren sollte man den Timer auf eine Minute setzten, später kann das Zeitfenster beliebig ausgedehnt werden. Jetzt kommt das Fiese an dieser Übung: während dieser festgesetzten Zeit schreiben Sie ununterbrochen über einen beliebigen Aspekt Ihres Schreibprojektes. Ja richtig, ohne Pause! Die meisten Leute stöhnen an dieser Stelle laut auf: „Wie soll ich so lange schreiben?? So viele Ideen habe ich gar nicht!“ (vor allem der letzte Satz stammt üblicherweise von unserem inneren Kritiker, und genau den wollen wir bekanntlich „mundtot“ machen) Tatsächlich ist es völlig egal, was Sie während dieser Zeit schreiben – entscheidend ist vielmehr das Wie, d.h. die Schreibbewegung (genau deshalb empfehle ich, diese Übung mit Stift und Papier durchzuführen). Deshalb könnten Sie z.B. auch so etwas schreiben wie „mir fällt nichts ein“, oder „warum fällt mir nichts ein?“. Bei mir ist es oft so, dass buchstäblich in den letzten Sekunden auf einmal ein Gedanke seinen Weg aufs Papier findet, der mir eine völlig neue Perspektive auf meinen geplanten Text eröffnet. Ich bin mir sicher, auch Sie werden einen solchen Aha-Moment erleben!

Übrigens: Im Titelbild dieses Beitrags sehen Sie ein authentisches Freewriting von mir und daneben die Publikation, zu der es geführt hat: „Reframing the Dowager: Nostalgia in Downton Abbey.“ Journal of Popular Film and Television (2023), Vol. 51(3): 146-154. https://doi.org/10.1080/01956051.2023.2263141.  

2. Über Zitate schreiben

Vor allem für Abschlussarbeiten haben Sie vermutlich viel gelesen. Nach ausgiebiger Lektüre haben wir oft unzählige, großartige Textstellen gelesen und vielleicht auch gesammelt, die wir am liebsten alle in unseren eigenen Text aufnehmen möchten. Doch Vorsicht! Eine Abschluss- oder Hausarbeit ist keine Zitatensammlung; Lehrende möchten sehen, dass Sie ein Thema selbständig erarbeiten und (schriftlich) präsentieren. Deshalb sollten wörtliche Zitate gut dosiert werden. Natürlich benötigen wir sie, um etwa unsere eigenen Argumente zu stützen oder Aussagen zu belegen. Doch gerade, wenn wir noch wenig Schreiberfahrung haben, neigen wir mitunter dazu, unsere eigenen Texte zu stark nach Zitaten auszurichten, weil wir uns noch nicht trauen, uns von fremden Texten zu lösen. Mit dieser Methode üben wir, Zitate als Ausgangspunkt für eigene Texte zu nutzen. Sie eignet sich insbesondere für Textwissenschaften sowie für Kapitel zum Forschungsstand.

Dies geht folgendermaßen: Suchen Sie aus Ihrem Material zunächst etwa sechs bis zehn Passagen, die für Ihr Schreibprojekt interessant sein könnten (oder zumindest thematisch mit ihm zu tun haben). Diese Textstellen haben Sie vorher bereits hinsichtlich Ihrer Forschungsfrage bzw. Ihres Themas ausgesucht. Kopieren Sie jede dieser Textstellen in ein eigenes Dokument bzw. auf eine eigene Seite. Schreiben Sie dann eine kurze Einleitung zu jeder Textstelle zwei bis drei Sätze genügen. Notieren Sie nach der Textstelle einige Kommentare oder Gedanken, die Sie dazu haben (dies müssen keine vollständigen Sätze sein). Drucken Sie die Seiten anschließend aus und verteilen Sie sie auf Ihrem Schreibtisch bzw. dem Fußboden. Versuchen Sie, eine Ordnung bzw. Verbindung zwischen den einzelnen Passagen zu finden.

Womöglich fällt Ihnen auf, dass einige Passagen zu ähnlich wirken bzw. sich thematisch zu stark überschneiden. Umgekehrt entdecken Sie aber vielleicht (thematische oder logische) Verbindungen zwischen den Passagen, in denen noch etwas zu fehlen scheint. In diesem Fall gehen Sie noch einmal Ihr Ausgangsmaterial durch und suchen nach dem fehlenden Glied.

Spätestens ab der dritten oder vierten Passage sind Sie in Ihr Thema eingetaucht und werden entsprechend längere, zusammenhängende Sätze formulieren. Wunderbar! Schreiben Sie zu jeder Passage, solange Sie können bzw. Ihnen etwas einfällt. Wenn Sie sich ‚ausgeschrieben‘ haben, wechseln Sie zur nächsten Passage.

Sie können diese Methode jedoch auch als Ausgangspunkt für eine eigene Argumentationskette verwenden. In diesem Falle konzentrieren Sie sich nicht auf die Passagen selbst, sondern auf Ihre eigenen Gedanken, die Sie jeweils zu den Zitaten formuliert haben.

Diese Strategie erfordert wenig Konzentration und bietet daher einen recht niedrigschwelligen Einstieg ins Schreiben. Außerdem weist Sie einen guten Weg zur Entwicklung einer These sowie ihrer notwendigen Belege, es hilft Ihnen somit bei der Auswahl der Literatur, die sie zitieren möchten. Probieren Sie sich einfach mal aus!

3. "Dreisatz"

Der Gedanke an diese Übung macht mich immer etwas traurig. Ich habe sie nämlich viel zu spät kennengelernt, lange nach meiner Promotion. Dabei eignet sie sich hervorragend, um den inneren Kritiker abzustellen und zusammenhängenden Text zu produzieren. Obwohl ich sonst immer für handschriftliches Arbeiten plädiere, wird diese Übung am besten an einem Rechner durchgeführt. Notieren Sie zunächst einen beliebigen Satz zu Ihrem Schreibprojekt. Dies kann ein Zitat oder ein Kerngedanke oder eine Beobachtung zu Ihrem Thema sein.

 

Ausgangssatz

 

Notieren Sie dann direkt unter diesen Satz drei weitere Sätze, die Ihnen spontan(!) zu diesem Ausgangssatz einfallen:

 

Ausgangssatz

Neuer Satz 1

Neuer Satz 2

Neuer Satz 3

 

War doch gar nicht so schwer, oder? Fügen Sie nun zwischen jedem Ihrer neuen drei Sätze Leerzeilen ein, und schreiben Sie zu jedem Satz jeweils drei weitere Sätze. Hinweis an diejenigen, deren innerer Kritiker jetzt laut auflacht: Hängen Sie die Sache nicht zu hoch, sondern schreiben Sie einfach, was Ihnen jeweils spontan zu diesen Sätzen einfällt! Anders ausgedrückt: trauen Sie sich, Ihre Gedanken ohne Perfektionsdruck auf Papier zu bringen.

Ausgangssatz

Satz 1

Neuer Satz 1.1.

Neuer Satz 1.2

Neuer Satz 1.3.

 

Satz 2

Neuer Satz 2.1.

Neuer Satz 2.2.

Neuer Satz 2.3.

 

Satz 3

Neuer Satz 3.1.

Neuer Satz 3.2.

Neuer Satz 3.3.

Ob Sie es glauben oder nicht, aber dieses Spiel lässt sich beliebig lang fortführen! Und da wir immer wieder zu einem bestimmten Satz schreiben, haben wir auch direkt einen ‚roten Faden‘! Wenn Sie die Übung beendet haben (auf welcher Ebene, bleibt Ihnen überlassen) werden Sie merken, dass Ihr Text gut aufeinander aufbaut und obendrein gut lesbar ist.
Was Ihnen vielleicht noch helfen kann, Ihre Gedanken in einen Text zu verwandeln:
Vielleicht könnten Ihnen auch diese Blogbeiträge Anregungen geben: Endlich im Schreibfluss(?), Wenn das Schreiben stockt und Mit dem Schreiben anfangen.

Wenn Sie erst einmal über die Gedanken für Ihren Text sprechen wollen, kommen Sie doch zu den Schreibtutor*innen im Schreibcafé! Sie hören Ihnen gerne zu und unterstützen Sie so dabei, Ihre Gedanken weiterzuentwickeln.

Weitere Informationen und Materialien zum Schreiben an der Uni finden Sie in unserem Moodle-Kurs.
Bildnachweis: Janelle Pötzsch
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Janelle Pötzsch
Dr. Janelle Pötzsch gehört zum Schreibzentrum und berät in der "Schreibmaschine" Studierende der Ingenieurwissenschaften zum fachspezifischen Schreiben.

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