Einblicke ins Land der KI: Bericht vom Delegationsbesuch in den USA

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Wissenschaftsministerin Ina Brandes besuchte im März 2026 die USA, zusammen mit sechs auf KI spezialisierten Wissenschaftler*innen von NRW-Hochschulen. Das Ziel: Einblicke in Veränderungen von Arbeitsmarkt und Wissenschaft durch Künstliche Intelligenz (KI) bekommen – und zwar dort, wo derzeit der Takt für diese Entwicklungen vorgegeben wird. Welche politischen Rahmenbedingungen setzen die USA? Was verändert sich in der Praxis der Bildungseinrichtungen? Und welche Wechselbeziehungen gibt es zwischen Wissenschaft und Unternehmenswelt? ZfW-Leiter Dr. Peter Salden war dabei.

Ankommen

Es ist früher Abend, unter den Wolken ist Land in Sicht. Long Island, das Gebiet vor New York, taucht als erstes auf. Dann flaches Land und Hügelketten: die Appalachen, amerikanisches Mittelgebirge. Das Flugzeug sinkt, nahe Washington sieht man nun große Grundstücke mit Villen im Wald. Wir landen in den USA im Jahr 2026.

Viele Leute in Europa wollen hier nicht mehr hin, sei es aus allgemeiner Abneigung gegen die amerikanische Politik oder aufgrund konkreter Sorge davor, bei der Einreise Einblicke ins eigene digitale Leben gewähren zu müssen. Auch ich habe im Vorfeld schon einige persönliche Daten geteilt, die für die Einreise abgefragt werden. Meinen Dienstlaptop habe ich lieber zu Hause gelassen. Besonders spektakulär ist die Einreise dann aber nicht, die Frau am Einreiseschalter will kaum mehr als den Pass prüfen.

Und schon sind wir mittendrin: Überall sind Menschen unterschiedlicher Herkunft zu sehen, die Einwanderungspolizei ICE dagegen nicht; ein Laden bietet Trump-Hoodies, ein anderer verkauft Postkarten mit gegenteiligen Botschaften. Im Iran ist Krieg, in Washington laufen Jogger in der Abendsonne. Es gibt viele große Autos, aber die Schlaglöcher auf dem Highway lassen uns aus den Sitzen fliegen. Amerika, ein Land mit Widersprüchen. Wir wollen in den nächsten Tagen genauer hinschauen.

Tag 1: Auftakt in Washington

Wir starten ganz am westlichen Rand der Stadt, wo Washington schon wieder grün wird. Hier ist der Sitz der deutschen Botschaft. Wir kommen problemlos hinein, doch als wir den Besprechungsraum im obersten Stockwerk betreten, hält uns der deutsche Gesandte noch einmal kurz zurück. Vor der Tür steht ein hoher schmaler Schrank mit kleinen Schließfächern. „Die Handys bitte hier einschließen“ – Abhörgefahr.

Es ist der erste Termin unserer Reise: Wir erhalten einen Überblick über die aktuellen Beziehungen. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber auch viele Differenzen. Uns wird nochmal klar: Die Rahmenbedingungen für einen Besuch in den USA könnten einfacher sein.

Unsere ersten amerikanischen Gesprächspartner lassen uns das allerdings nicht spüren. Noch in der Botschaft treffen wir Vertreter*innen der National Science Foundation (NSF), die ihr großes Interesse an einer weiterhin guten Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen betonen. Und auch die folgenden Termine mit Wissenschaftler*innen der George Washington University (GWU) und der Georgetown University (GU) vermitteln diesen Eindruck. Wir sprechen über vertrauenswürdige KI und Veränderungen des Arbeitsmarkts durch KI. In diesem fachlichen Austausch spielt Außenpolitik keine große Rolle.

Zu sehen ist ein langer Tisch, an dem alle gemeinsam sitzen
Bild: MKW
Und doch merken wir an diesem Tag auch ein bisschen von dem kalten Wind. Wir sind zu Besuch im State Department, dem amerikanischen Außenministerium. In der großzügigen Eingangshalle hängen Bilder von einem finster dreinschauenden Donald Trump und seinem Außenminister Marco Rubio. Wir passieren die Sicherheitskontrolle und laufen eine ganze Weile kreuz und quer durch die Flure des eher tristen Bürogebäudes, bis wir bei einem fensterlosen Besprechungsraum ankommen. Unsere Gesprächspartnerinnen sind nicht unfreundlich, aber klar in den Botschaften. Es geht um amerikanische Interessen beim Thema KI. Die US-Regierung setzt auf Innovation und Deregulierung. Es gibt hier keine Skepsis gegen „Big Tech“ und seine Ansätze, im Gegenteil: Es ist auch politisch gewollt, dass das Land bei KI voran und auch ins Risiko geht. Das Ziel ist weltweite Dominanz beim Thema KI: Auch Europäer sollen amerikanische KI-Produkte nutzen. Überraschend oder gar geheim ist dies nicht, denn nachlesen kann man es beispielsweise seit Juli 2025 im „AI Action Plan“ der amerikanischen Regierung.
Lesetipp: Der „AI Action Plander US-Regierung
Für mich ist es dennoch hilfreich, dies aus dem Mund amerikanischer Regierungsvertreterinnen zu hören. Mir wird hier im persönlichen Erleben noch klarer, dass man amerikanische Unternehmen und amerikanische Politik schlecht voneinander trennen kann. Die amerikanische Außen- und Handelspolitik fördert die Nutzung amerikanischer Produkte, dient also den Unternehmen. Umgekehrt gilt dies aber auch: Die Dominanz der US-Produkte hat auch eine politische Funktion, nämlich amerikanischen Einfluss zu sichern. Digitale Souveränität und die Regulierung von KI sind hier dagegen rote Tücher. Das ist gut zu wissen in einer Zeit, in der wir in den deutschen Hochschulen nach mehr Unabhängigkeit von amerikanischen Produkten suchen.

Tag 2: Nochmal Washington, Naval Research Laboratory

Wir sind ein Stück aus Washington herausgefahren. Am Ufer des Potomac liegt hier das Naval Research Laboratory (NRL), eine große Forschungseinrichtung der amerikanischen Marine. Die Gebäude sind von außen unspektakulär und erinnern mich an den Sanierungsstau an deutschen Hochschulen – fleckige Wände, Linoleumboden, rumpelige Teeküchen und Insektenfallen am Boden. Aber der Eindruck soll nicht täuschen: Hier findet Spitzenforschung statt. Am NRL wurden beispielsweise die Grundlagen des Global Positioning Systems (GPS) erfunden und Satelliten für den Weg ins All vorbereitet.

Ziel unseres Besuchs ist der Forschungsbereich für autonome Systeme. Für sie gibt es hier eigene Testumgebungen – eine kleine Wüstenlandschaft, Wasserbecken, ein Tropenhaus. Hinter den darin getesteten Hardware-Komponenten wie z.B. Sensoren steckt immer häufiger KI-basierte Software – sei es auf Basis von Sprachmodellen oder anderer KI-Lösungen. Im Austausch mit Forscher*innen des NRL erhalten wir Einblicke in aktuelle Arbeiten.

In Deutschland standen mit Blick auf die amerikanische Forschungspolitik in der jüngeren Vergangenheit vor allem die politisch-ideologisch bedingten Kürzungen von Forschungsmitteln im Mittelpunkt. Bei unserem Besuch – beispielsweise auch in dem schon erwähnten Gespräch mit der National Science Foundation (vergleichbar zu unserer DFG) am Vortag – wird deutlich, dass weiterhin große Summen in Forschung fließen, gerade auch in das Thema KI.

Mehr zur Förderpolitik der National Science Foundation
Die NSF hat im Rahmen ihrer Förderpolitik thematische Schwerpunktbereiche gebildet, zu denen nationale Zentren gefördert werden. Zugleich sollen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Forschenden und Lehrenden Zugang zu Rechenleistung, Software, Daten, Modellen, Bildungsmaterial und Expertise geben sollen. Viel Geld fließt in militärische Forschung, viel aber auch in andere – durchaus auch KI-kritische – Arbeit.

Tage 3 und 4: Carnegie Mellon University Pittsburgh

Die Handys piepen, alle. Es ist wie am Warntag, nur ist dies keine Übung. Auf dem Bildschirm steht: TORNADO WARNING. Take shelter now in a basement or an interior room on the lowest floor of a sturdy building.“ Wir improvisieren einen Stuhlkreis vor einem Getränkeautomaten und sprechen auf dem Flur, bis der Sturm vorbei ist.

Wir sind in Pittsburgh, dem zweiten Ziel der Reise. Es ist ein Besuch im Rust Belt, sozusagen im amerikanischen Ruhrgebiet. Das kommt mir bekannt vor: Schon beim Anflug am Vortag grüßten am Ufer des Monongahela River gigantische Stahlwerke. Aber auch die Stadt zeigt das, was mir aus dem Ruhrgebiet bekannt vorkommt – Gegenden im Umbruch, neu genutzte Industriebauten, aber auch Gegenden im Verfall und Drogenkranke in der Innenstadt. Pittsburgh ist eine der Städte, die schon viele Schritte auf dem Weg zum postindustriellen Wandel getan hat und dabei die alte Stärke in der Industrieproduktion mit neuen wissensbasierten Ansätzen kombinieren möchte. Immer wieder hören wir in Pittsburgh, wie wichtig dabei die Rolle der Universitäten ist.

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Innenhof der Harvard University

Gut also, dass wir hier sind – auf dem Campus der Carnegie Mellon University (CMU), etwa acht Kilometer östlich von Downtown Pittsburgh. Wir kommen hier mit unterschiedlichen Wissenschaftler*innen ins Gespräch. Für mich ist dabei besonders interessant, wie didaktisch und infrastrukturell mit KI umgegangen, aber auch, wie überhaupt Lehrentwicklung angegangen wird.

Da ist beispielsweise das hochschuldidaktische Zentrum der CMU, das Eberly Center mit seinen 23 Beschäftigten. Über das Zentrum vergibt die CMU Fördermittel an Lehrende, damit sie in kleinen Projekten KI-orientierte Lehrszenarien ausprobieren. Das Besondere: Es wird versucht, die Wirksamkeit der Projekte auf Grundlage kleiner Begleitforschungsvorhaben zu erheben.

So wird sowohl eine rasche Einführung von KI in der Lehre befördert als auch der Herausforderung begegnet, dass der genaue Nutzen von KI in der Lehre noch unklar ist. Evidenzbasierte Entwicklung der Lehre: das ist etwas, was sich die CMU spürbar auf die Fahne geschrieben hat.

Mein Eindruck ist: An der CMU sind die durch KI in der Lehre aufgeworfenen Fragen und Probleme letztlich identisch mit denen, die es auch bei uns gibt. Auch die Lösungen ähneln sich. Es ist aber durchaus beeindruckend, wie hier in einer einzigen Institution viele Arbeiten gleichzeitig angegangen werden und wie professionell die Hochschule sich darum bemüht, die Herausforderungen von KI anzunehmen.

Angesichts ihrer umfangreichen Expertise in technologiebezogener Bildungsforschung ist die CMU für nordrhein-westfälische Hochschulen ein hochinteressanter Forschungspartner. Ministerin Brandes unterschrieb deswegen ein Memorandum of Understanding mit der CMU, das auf die Errichtung eines Graduiertenkollegs zu KI in der Hochschulbildungsforschung zielt. Nachwuchsforscher*innen aus den Partnereinrichtungen der Digitalen Hochschule NRW sollen hier mit amerikanischen Wissenschaftler*innen zusammenarbeiten.

Mehr dazu lesen Sie in einer Pressemitteilung des MKW.

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Bild: MKW

Tag 5: Nochmal in Pittsburgh, Steel to AI

Wir sind am Bakery Square, weit im Osten der Stadt, in den Gebäuden einer ehemaligen Großbäckerei. Früher wurden hier Kekse gebacken, heute geht es um Hochtechnologie. Das Gelände wurde für die Tech-Branche neu hergerichtet, um Startups, Tech-Konzerne und auch Wissenschaftseinrichtungen in unmittelbarer Nähe zueinander ansiedeln zu können. Die vorbeiführende Straße trägt den informellen Beinamen „AI Avenue“.

Am Bakery Square sitzt beispielsweise Google mit einer auf KI spezialisierten Abteilung. Nicht weit entfernt ist die Zentrale von Duolingo, das von Alumnis der CMU gegründet wurde. Später besuchen wir an anderer Stelle in der Stadt die Firma Bosch, die in Pittsburgh eine Forschungsgruppe unterhält und dafür eng mit den Unis von Pittsburgh kooperiert.

Für die Stadtverwaltung ist das Ziel, Pittsburgh in den Top 5 KI-Standorten der USA zu etablieren. Am Bakery Square lernen wir in diesem Kontext das AI Strike Team kennen. Hier arbeiten Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um gemeinsam Initiativen für die Stärkung von KI zu entwickeln. Das Strike Team hat sich mit der Frage von Hyperscaler-Standorten in der näheren Umgebung beschäftigt, mit dem Zugang zu Rechenleistung für Startups, mit Anreizsystemen für den Einsatz von KI in Unternehmen und nicht zuletzt damit, private Investitionsmittel für die Unterstützung von Startups zu bündeln. Und auch das „Storytelling“ über Pennsylvania als Staat, der sich von „Steel to AI“ bewegt, gehört zu den Handlungsfeldern.

Insgesamt ist das etwas, was auf unserer Reise auffällt: Es gibt viele enge Verbindungen zwischen den Hochschulen und der Unternehmenswelt. Tech-Konzerne geben relativ bereitwillig Geld für Forschungsprojekte, teils auch im Verbund mit staatlicher Förderung nach einem Modell „50:50“. Hochschulen wie die CMU dagegen scheinen einer liberalen Tech-Transfer-Policy zu folgen, in der es für Beschäftigte und Studierende durchaus üblich ist, ein Unternehmen zu starten. Professor*innen können bis zu 20% ihrer Zeit für außerhochschulische Projekte verwenden. Auch wenn sich bei uns hier schon viel ändert, scheint mir doch, dass gerade an dieser Stelle ein Unterschied zu deutschen Hochschulen liegt.

Schluss: Ein Abstecher nach Boston und ein Fazit

Das ging schnell: Die Besuche sind vorbei, mein Anzug hängt im Hotelschrank, alle anderen Delegationsmitglieder sind auf dem Weg nach Hause. Ich mache noch einen Umweg, denn so schnell komme ich nicht wieder nach Amerika.

Ich bin in Boston und auf einem Leihfahrrad einige Kilometer stadtauswärts gestrampelt; leicht aufwärts mit Gegenwind, gar nicht so unanstrengend. Aber jetzt sitze ich in der Abendsonne unter hohen Bäumen, eine große Säulenfront im Rücken, vor mir ein gepflegter Rasen und dahinter eine schlanke Kirche. Ein Grauhörnchen flitzt den Baum hoch und runter. Es ist der berühmte Innenhof der Harvard University. Den wollte ich nun auch noch sehen.

Hier kommt einiges zusammen: eine amerikanische Spitzenuniversität, akademische Tradition, aber auch das prominenteste Beispiel für Widerstand gegen aktuelle politische Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit. Ein Gesprächspartner auf unserer Reise hatte uns gesagt: „Ich war noch nie so stolz, ein Harvard-Absolvent zu sein. Die Haltung der Universität inspiriert mich in dieser schwierigen Zeit.“ Mehr oder weniger deutlich schien immer mal wieder durch, dass die amerikanische Wissenschaft unter Druck steht.

Also einmal zurückgeschaut: Sind die USA politisch verloren? Danach sieht es nicht aus, Harvard und andere stehen dem entgegen. Wird alles wieder so wie es war? Ganz bestimmt nicht, auch nicht hier in Harvard. Vielleicht wird sich die Politik wieder ändern, aber bei aller Tradition: KI wird auch hier dauerhaft Folgen haben.

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Was habe ich mitgenommen von dem Besuch? Er hat mein Verständnis geschärft, dass die amerikanische Regierung eine stark innovationsfreundliche Haltung zu KI hat, bei der Politik und Tech-Unternehmen gemeinsam auf weltweite KI-Dominanz hinarbeiten. Politik und Wirtschaft investieren dafür stark in entsprechende Forschung. Auch die Lehre verändert sich, wobei die amerikanischen Hochschulen hier ähnliche Herausforderungen haben wie die deutschen. Auch wenn es dies in Deutschland ebenfalls gibt, haben mich die Freude am Ausprobieren, der Anspruch von Evidenzbasierung sowie die Ansätze zur Professionalisierung des Unterstützungspersonals beeindruckt. Und nicht zu übersehen ist, dass die USA sehr eng den Schulterschluss von kommunaler Politik, Unternehmen und Wissenschaft suchen, wodurch sich auch lokal viel bewegt.

Aber ich würde sagen: Nichts, was wir nicht auch können, wenn wir an manchen Stellen zielstrebiger werden. Am Horizont taucht die Arbeit zu Hause wieder auf. Auf der Agenda steht der Antrag für ein KI:Expertisezentrum.nrw. Das ist doch ein guter nächster Schritt.

Bildnachweis:

Titelbild: OpenStreetMap
Gruppenbilder Konferenztisch und Unterzeichnung: MKW
Übrige Bilder: Peter Salden

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Peter Salden
Dr. Peter Salden leitet das Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum.

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