Fachspezifik beim Schreiben

Beitragsbild: Fachspezifik beim Schreiben
In verschiedenen Fächern werden unterschiedliche Anforderungen an Hausarbeiten gestellt. Das kann manchmal verwirrend sein. In diesem Blogbeitrag möchte ich deshalb einen kurzen Blick darauf werfen, wie sich wissenschaftliche Texte je nach Fachzugehörigkeit unterscheiden, welche Gründe es dafür gibt und wie Sie herausfinden können, was für Sie und Ihre Texte gilt.
Worum es in dieser Serie geht
Diese Serie richtet sich an Studierende, die eine Hausarbeit schreiben (wollen). In loser Folge werden wir – die Mitarbeiter*innen des Schreibzentrums – verschiedene Aufgaben erläutern, die beim Schreiben einer Hausarbeit auf Sie zukommen, und Ihnen Anregungen dazu geben, wie Sie sie konkret bewältigen können. Wir werden uns dabei bemühen deutlich zu machen, was fachübergreifend gilt und was fachspezifisch ist. Sie sollten dennoch prüfen (oder jemanden fragen), ob das, was wir hier sagen, auch so auf Ihr Fach zutrifft.
„Bei uns wird mit Fußnoten zitiert.“
„Wir machen das mit Klammern im Text.“
„Ich studiere Geschichte und Sowi, da ist es einmal so, einmal so.“
„Warum ist das immer so kompliziert, warum wollen es die Dozent*innen immer anders haben?!“
    Diese und ähnliche Aussagen höre ich oft, wenn ich mit Studierenden über ihre schriftlichen Arbeiten spreche – und die Frustration, die manchmal daraus spricht, ist verständlich. Gerade für Anfänger*innen im Schreiben an der Uni kann es sehr verwirrend sein, sich in den verschiedenen Vorgaben, die je nach Fach stark variieren können, zurechtzufinden. Und die fachspezifischen Unterschiede hören ja nicht mit den Formalia auf, sie sind häufig nur der auffälligste Unterschied. Daher beginne ich mit einem kurzen Blick darauf:

    Konventionen und Zitierweisen

    Wissenschaftliche Texte beziehen sich immer auf andere Texte. Wenn Sie in Ihrem Text Wissen aus anderen Texten wiedergeben, was Sie vermutlich sehr häufig tun werden, müssen Sie angeben, aus welchen Texten Ihr Wissen stammt – das ist ein Grundprinzip von Wissenschaftlichkeit. So wird zum einen dafür gesorgt, dass das, was Sie sagen, für Leser*innen überprüfbar ist (Haben Sie die Informationen aus dem Quelltext richtig wiedergegeben, haben Sie nichts verfälscht?), zum anderen wird so die Urheberschaft von Autor*innen anerkannt. Die Art, wie Sie diese Quellenbelege/Literaturangaben in Ihrem Text anführen, ist festgelegt; das ist die Zitierweise, die in Ihrem Fach gilt.

    Auch diese Konventionen unterliegen einer Entwicklung, sie sind nicht starr von einer wie auch immer gearteten Autorität festgelegt, sondern verändern sich. Ein Beispiel dazu aus meiner eigenen (bisherigen) Bildungslaufbahn: Als ich angefangen habe, hier an der RUB zu studieren – was zugegebenermaßen recht lange her ist – war die Zitierweise mit Fußnoten noch deutlich stärker verbreitet als jetzt, in all meinen drei Fächern (Geschichte, germanistische Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft) wurde in der Regel mit Fußnoten zitiert. Heute ist die Verwendung von Fußnoten deutlich seltener geworden, Quellenangaben im Text sind auch in diesen Fächern deutlich häufiger zu sehen. Hinter den verschiedenen Zitierweisen stehen unterschiedliche Traditionen, Funktionen und Lesegewohnheiten: Wenn Belege im Text angegeben werden, ist der Bezug auf den Fachdiskurs im Text präsenter und das Lesen wird nicht durch einen Sprung in die Fußnoten gestört. Ein Zitationssystem mit Fußnoten entlastet dagegen den Haupttext von Klammern und Einschüben und ermöglicht es zudem, in den Fußnoten weitere inhaltliche Aspekte zu diskutieren und so neben dem Haupttexte eine weitere Textebene aufzumachen. Gerade letzteres wird in machen Fächern intensiv genutzt.

    Fachspezifische Weisen Wissen zu produzieren

    Hier sind wir bei einem entscheidenden Punkt: Die Unterschiede in Konventionen, Formulierungen, Art der Argumentation, die Sie in wissenschaftlichen Texten verschiedener Disziplinen wahrnehmen und die Sie in Ihren eigenen Texten an der Universität umsetzen müssen, sind nicht abstrakt für alle Zeiten festgelegt worden oder beruhen auf den Vorlieben einzelner Autor*innen oder gar Ihrer Lehrenden. Sie sind vielmehr sichtbarer Ausdruck wissenschaftlicher Praktiken der verschiedenen Fächer. Diese verändern sich. „Disziplinen entwickeln spezifische Praktiken, die das Handeln ihrer Angehörigen prägen und sich in Fachkulturen zeigen. Diese Praktiken (z.B. die besonderen Weisen, Argumente und Diskurse zu führen, der Ausdruck von Kritik, die Zulässigkeit von Formulierungen) werden insbesondere an kommunikativen Artefakten (Texten, Dialogen mit anderen Wissenschaftler:innen und Studierenden) sichtbar.“ (Jenert, Scharlau 2022, S. 156)

    In wissenschaftlichen Texten zeigt sich, wie in der jeweiligen Disziplin Wissen generiert wird, wie dieses Wissen anderen, vor allem der eigenen Fachcommunity, präsentiert wird und wie kommuniziert wird.

    In den Texten spiegelt sich somit das wissenschaftliche Denken und Handeln der jeweiligen (Fach-)Wissenschaftler*innen wider, die alltäglichen Handlungen der jeweiligen Wissenscommunity zeigen sich in den Texten.

    Ob z. B. in einem Fach das Wort „ich“ verwendet wird, hat viel damit zu tun, welche Vorstellungen von Objektivität bei der Wissensproduktion vorherrschen. Vor allem in quantitativ-empirisch arbeitenden Fächern (z. B. technische und naturwissenschaftliche Fächer) wird das Wort vermieden, weil es in der Regel nicht relevant ist, wer einen Versuch durchgeführt hat. In anderen Bereichen und Forschungstraditionen ist es dagegen für die Nachvollziehbarkeit von Ergebnissen und Interpretationen oft wichtig, die Perspektive zu kennen, aus der eine Forschung durchgeführt wurde. Dann ist die Verwendung des Wortes „ich“ oft gefordert, so z. B. bei einer empirisch qualitativen Studie, für die teilnehmende Beobachtung verwendet wird.

    Indem Sie sich an die für Ihr Fach geltenden Konventionen halten, zeigen Sie schon mit der äußerlichen Form Ihres Textes an, in welcher Disziplin er verortet ist. Es sind die Spielregeln des wissenschaftlichen Geschäfts, auf die sich die Mitglieder der Community geeinigt haben. Sie üben mit Ihren Texten an der Universität, sich in diese Community ‚hineinzuschreiben‘ und zu -denken, daher gelten diese Spielregeln auch für Sie und Ihre Texte.

    Doch wie finden Sie nun heraus, welche fachspezifischen Konventionen für Sie gelten, wenn Sie einen Text schreiben? In den allermeisten Fakultäten gibt es Handreichungen für Studierende, in denen die Formalia wissenschaftlichen Arbeitens erklärt werden, häufig sind sie auf den Webseiten der Dekanate oder Prüfungsämter zu finden. Teilweise gibt es formale Vorgaben, die für die ganze Fakultät gelten, für einzelne Teilfächer, auch Lehrstühle weisen auf die Formalia hin. Schauen Sie auf den entsprechenden Websites oder in den Moodlekursen nach und fragen Sie Ihre Lehrenden!

    Zu sehen ist ein Textbeispiel von Wirtschaftswissenschaften, Biologie und Geschichte
    Die Abbildung zeigt, wie unterschiedlich Texte aus den Fächern Wirtschaftswissenschaften, Biologie und Geschichtswissenschaften alleine aussehen. Alle Texte stammen von Forschenden der RUB, Literaturangaben s.u.

    Eine Hausarbeit ist eine Hausarbeit ist eine Hausarbeit …

    Bei fachspezifischen Unterschieden geht es aber eben nicht nur um die Formalia, sondern um, wie oben erwähnt, wissenschaftliche Praktiken. Daher ist eben eine Hausarbeit nicht immer dasselbe, sie ist nicht unabhängig von der fachlichen Verortung zu sehen. Überlegungen, was eine Hausarbeit eigentlich ist und was Sie darin zeigen sollen, finden Sie hier. Es gibt, wie der Beitrag zeigt, generelle Anforderungen, die fachübergreifend gelten. Und es gibt gleichzeitig erhebliche fachspezifische Unterschiede:

    In einer Hausarbeit, die Sie beispielsweise im Fach Chemie schreiben, kann es Ihr Auftrag sein, einen Versuch, den Sie unternommen haben, zu beschreiben und auszuwerten. Sie beschreiben den Versuchsaufbau, den Verlauf des Versuches anhand Ihrer Laborprotokolle, Schwierigkeiten, die es eventuell gegeben hat, Sie stellen die Ergebnisse dar und werten diese aus. So werden in der Chemie – und in anderen Naturwissenschaften – Erkenntnisse gewonnen, mithilfe von Beobachtungen und Simulationen im Labor. Diesen Erkenntnisprozess spiegeln Sie dann in Ihrer Hausarbeit wider.

    In einer geschichtswissenschaftlichen Hausarbeit arbeiten Sie in erster Linie mit Texten. Sie suchen sich ein Thema aus, entwickeln dazu eine Fragestellung und erschließen das Thema über eine geeignete Gliederung. In der Regel arbeiten Sie in einer geschichtswissenschaftlichen Hausarbeit mit historischen (Text-)Quellen, die Sie analysieren und in ihren Entstehungskontext einordnen. Was sagen diese Quellen über Ihr Thema aus, widersprechen sie einander oder ergibt sich in verschiedenen Quellen ein ähnliches Bild? Häufig ist in Arbeiten in der Geschichtswissenschaft eine Quelle auch der Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen: Anhand der Quelle wird die Fragestellung für die Arbeit entwickelt und das Vorgehen abgeleitet. Durch eine quellen- und textkritische Analyse kommen Sie zu Erkenntnissen in Bezug auf Ihre Fragestellung.

    Diese Beschreibungen ließen sich für jedes Fach, das Sie an der RUB studieren können, fortsetzen, wobei es zwischen den einzelnen Fächergruppen Überschneidungen gibt. Entscheidend ist für Sie, was Ihr Auftrag in einer Hausarbeit ist, ob Beschreibung von eigenen Versuchen, die Durchführung einer (kleinen) empirischen Studie oder eine kritische Auseinandersetzung mit Primär- und Sekundärtexten anhand einer selbst entwickelten Fragestellung.

    Vielleicht ist das der wichtigste Hinweis, wenn es um die Fachspezifik beim wissenschaftlichen Schreiben geht: Finden Sie heraus, was für Sie gilt, was Sie wie tun müssen! So verstehen Sie auch immer besser, worum es in Ihrem Fach geht und wie dort neues Wissen produziert wird. In vielen Fächern gibt es Hinweise zum Verfassen schriftlicher Arbeiten, in denen häufig auch Aufbau und Charakter der Arbeiten beschrieben werden. Fragen Sie Ihre Lehrenden, was Ihr Auftrag in einer Hausarbeit ist. Und vor allem: Lesen Sie fachspezifische Texte im Hinblick darauf, was die Autor*innen dort eigentlich tun.

    Wir unterstützen Sie, die Regeln in Ihrem Fach herauszufinden:
    Unsere Schreibworkshops sind zwar fachübergreifend, aber wir behalten fachliche Unterschiede immer im Blick. Deshalb bitten wir Sie auch oft, zu den Workshops eigenen Themen oder Fachtexte mitzubringen.

    Eine Schreibberatung kann nie die Betreuung durch Ihre Fachlehrenden ersetzen, aber in der Schreibberatung können wir z. B. gemeinsam Aufgabenstellungen analysieren oder Fragen für ein Sprechstundengespräch sammeln.

    Auf die ingenieurswissenschaftlichen Fächer zugeschnittene Angebote zum Schreiben finden Sie bei der Schreibmaschine.

    In unserem Moodlekurs Schreiben an der RUB finden Sie viele weitere Informationen und Materialien zum Schreiben.
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    Katinka Netzer
    Katinka Netzer ist Mitarbeiterin im Schreibzentrum im ZfW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Workshops, Schreibberatung und die Arbeit mit Fach-Schreibtutor*innen.

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