Im Modul „Einführung in Sustainabiltiy Science“ (EiSS) werden viele Aspekte des Leitbilds lebendig. Von dem, wie wir arbeiten, welche Erfahrungen wir machen und welche Rolle der „Safe Space“ dabei spielt, berichten wir in diesem Beitrag.
Die Autorinnen dieses Beitrags
„Als Mitglied der Universitätskommission Lehre war ich an dem intensiven Erstellungsprozess des Leitbilds Lehre und Studium beteiligt und habe daher eine besondere Beziehung zum ihm. Der Anspruch des Leitbilds „Ziel und Vergewisserung gleichermaßen zu sein“ trifft daher auf meine Lehre in besonderer Weise zu.“
Maren Störmann (B.Sc.) (rechts): Studentin im Masterstudiengang Umweltingenieurwesen und wissenschaftliche Hilfskraft
„Durch meine Doppelrolle als Studentin und Tutorin erlebe ich das Leitbild Lehre aus zwei Perspektiven. Als Tutorin habe ich praktische Einblicke in die Lehrgestaltung, die mir helfen, meine eigenen Lernerfahrungen als Studentin bewusster zu reflektieren. Diese besondere Verbindung zum Leitbild gibt mir das Gefühl, aktiv zu einer offenen und partizipativen Lernkultur beizutragen."
Carla Schwarck (links): Studentin im Bachelorstudiengang Umweltingenieurwesen und studentische Hilfskraft
„Als Tutorin verbinde ich mit dem Leitbild Lehre vor allem eine wertschätzende Zusammenarbeit mit allen, die Studierende motiviert, sich einzubringen und Neues auszuprobieren."
Erfahrungen aus 4 Jahren Praxis in einem ungewöhnlichen Modul
Wir, die Autorinnen, das sind die beiden studentischen Tutorinnen Carla Schwark und Maren Störmann sowie Ute Berbuir, als verantwortliche Lehrende des Moduls. Das große WIR in der Überschrift bezieht sich aber auf alle Beteiligten im Modul - denn nur gemeinsam kann diese Form von Lehren und Lernen funktionieren.
Was ist das für ein Modul?
„Einführung in Sustainabiltiy Science“ (EiSS) ist ein Pflichtmodul im ersten und zweiten Semester des Studiengangs Umweltingenieurwesen. Die Ziele des Moduls sind breit gefächert:
Wissen und Methoden: Hier geht es um den Einstieg in die Nachhaltigkeitswissenschaften, um eine Orientierung im Fach und um das Kennenlernen wissenschaftlicher Arbeitsweisen.
Personale und soziale Kompetenzen: Hier stehen Kommunikation und Kollaboration im Mittelpunkt.
Onboarding: Hier geht es um das Ankommen an der Uni und im Studiengang.
Zwar wird das Onboarding in dieser Auflistung zuletzt genannt, aber es ist ein sehr wichtiges und grundlegendes Ziel, denn nur wer „an Bord kommt“, geht mit auf die Reise. Im Modul EiSS gibt es bietet dafür vielfältige Gelegenheiten, indem Raum, Zeit und Anlass für Zusammenarbeit, Feedback und Reflexion gegeben werden. Studierende analysieren komplexe Probleme, recherchieren, argumentieren, präsentieren ihre Ergebnisse und üben die Anwendung ihres Wissens in unterschiedlichen Kommunikationssituationen. Denken, Abwägen und Diskutieren werden dabei als Teil handlungsorientierter Kompetenzentwicklung verstanden. Dies erfolgt im ersten Semester methodisch stark angeleitet - beispielsweise durch die Rahmung der 7 Schritte im Problemorientierten Lernen, in Rollenspielen sowie in kleineren Gruppenaufgaben. Im zweiten Teil des Moduls wird der Gestaltungsspielraum sukzessive erweitert, die Studierenden bearbeiten eine selbstgewählte Projektaufgabe und präsentieren ihre Gruppenergebnisse in einer Poster-Session.
In der folgenden Abbildung wird der Aufbau schematisch dargestellt.

Was ist an dem Modul ungewöhnlich?
Für ein Modul in einem ingenieurwissenschaftlichen Bachelor-Studiengang ist der hohe Anteil an kommunikativen Elementen ungewohnt. Darüber hinaus sind sowohl die Bandbreite der Lehr-Lern-Methoden als auch die Themen ungewöhnlich.
In mittelgroßen Kursen von 60 bis 100 Studierende, wie dies bei uns der Fall ist, sind die eingesetzten offenen Lehr-Lernformen eine didaktische und organisatorische Herausforderung. Hier hat sich die Arbeit mit studentischen Tutor*innen sehr bewährt. Sie bieten eine niedrigschwellige Unterstützung und dienen als Vorbilder. Die Bedeutung der Tutor*innen reicht für das EiSS-Modul aber weit darüber hinaus. Die jeweiligen studentischen Tutor*innen sind und waren in die Entwicklung und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Moduls eingebunden und bereichern die Lehre in vielfältiger Weise. Vor und nach jeder Präsenzveranstaltung machen wir im Team eine kurze Reflexionsrunde, die dann in die Planung des nächsten Termins übergeht. So können wir „im Feintuning“ die konkreten Vorgehensweisen an die Gruppe der Studierenden anpassen.
Worum es in dieser Serie geht
In dieser Serie setzen wir uns gemeinsam mit dem Dezernat 1 und verschiedenen Akteur*innen an der RUB mit dem Leitbild Lehre und Studium auseinander.
Das Leitbild wurde in einem umfangreichen partizipativen Prozess aktualisiert und 2024 veröffentlicht. Es soll für den Lehr- und Lernalltag an unserer Universität handlungsleitend sein.
Wir gehen in dieser Serie auf einzelne Aspekte aus dem Leitbild ein, stellen Ansprechstellen und -personen vor, gehen auf Beratungs- und Weiterbildungsangebote ein und zeigen Beispiele zur praktischen Umsetzung.
Wie wird das Leitbild im Modul lebendig?
Zunächst einmal wird das Leitbild inhaltlich lebendig. Ein Einführungskurs zu Sustainability Science adressiert natürlich Nachhaltigkeitsthemen, Werte spielen eine große Rolle und dann geht es auch noch um eine Einführung in wissenschaftliches Arbeiten. EiSS ist ein umfassender Orientierungskurs und behandelt im Lauf des ersten Studienjahres die Themenfelder, die in der folgenden Abbildung 2 dargestellt werden.

Didaktisch arbeiten wir mit Methoden, die dem forschenden bzw. forschungsorientierten Lernen zuzuordnen sind. Forschendes Lernen wiederum ist das Leitmotiv der Lehre an der RUB und insofern wird das Leitbild auch damit lebendig.
Wir nehmen forschendes Lernen und Diversity gemeinsam in den Blick und versuchen Grundlagen zu legen. In der Forschung bzw. im Forschenden Lernen MUSS ich was ausprobieren, das dann überprüfen und Schlüsse daraus ziehen. Man könnte auch so formulieren, dass es darum geht, aus Fehlern zu lernen. Genau hier kann ein Problem liegen, denn Fehler muss ich mir „leisten“ können – wirtschaftlich, sozial, emotional.
„Es ist also an uns – den Lehrenden bzw. der Institution –
einen solchen Save Space zu schaffen,
der das Risiko 'händelbar' macht und forschendes Lernen für alle ermöglicht.“
Es hängt davon ab, wie sicher oder unsicher ich mich in einer Situation fühle bzw. welche Ressourcen ich habe, um Unsicherheiten zu begegnen. Unsere Studierenden sind unterschiedlich und sie bringen vielfältige Erfahrungen und Prägungen mit ins Studium. Wenn nun das empfundene Risiko (zu) hoch wird und Studierende sich nicht auf risikobehaftete Prozesse - wie ein Lernen aus Fehlern - einlassen, dann können solche Lehr-Lernformen ihre Wirkung nicht entfalten, sondern könnten im Extremfall sogar Zugänge verwehren. Es ist also an uns – den Lehrenden bzw. der Institution – einen solchen Save Space zu schaffen, der das Risiko 'händelbar' macht und forschendes Lernen für alle ermöglicht.
Wie versuchen wir diesen Safe Space zu verwirklichen?
Im Modul bauen wir eine konstruktive Fehlerkultur durch die folgenden Aspekte auf:
Transparenz: Die Ziele der „ungewöhnlichen“ Methoden werden transparent gemacht.
Anleitung: Die Methoden werden insbesondere zu Beginn eng angeleitet. Es werden Routinen etabliert, um ein hohes Maß an Prozesssicherheit und Normalität aufzubauen.
Gemeinschaft: Kompetitive Elemente werden vermieden. Es geht nicht darum, besser als andere zu sein oder darum, eine Diskussion zu gewinnen, sondern es geht um nachvollziehbare Bearbeitungen, angemessene Lösungen und konstruktive Diskussionen.
Offenheit: Offene Fragestellungen und komplexe Probleme haben keine eindeutige Lösung – Unterschiedlichkeit von Ansätzen und Wegen ist normal.
Lernprozess im Fokus: Zum Bestehen muss man mitarbeiten, Aufgaben erfüllen und dabei Mindeststandards einhalten - aber Noten gibt es nicht!
Damit stellen wir das Lernen in den Mittelpunk. „Fehler“ rücken weg vom Gefühl des Scheiterns, sondern können (eher) als Lernanlass angenommen werden.
Vertrauen bauen wir auf durch:
Freundlichkeit: Wir bitten ganz explizit um einen freundlichen und wertschätzenden Umgang und versuchen, dies im Kurs auch bewusst vorzuleben.
Individuelle Ansprache: Alle im Kurs duzen sich und tragen Namensschilder, was das Kennenlernen fördert, und ein Signal ist, dass die*der Einzelne wichtig ist, gesehen wird und mit Namen angesprochen werden kann.
Rahmung: Das Geben und Nehmen von Feedback wird systematisch gerahmt und erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Formen (offene Feedbackrunden, anonymisiertes Peer Review und bilaterale Rückmeldungen).
Emotionen ansprechen und zulassen: Emotionen – positive wie negative – werden zu bestimmten Gelegenheiten im Kurs explizit angesprochen, geteilt und ein konstruktiver Umgang wird praktiziert.
Vielfalt begrüßen: Aufgaben werden soweit möglich so gestaltet, dass Heterogenität als Bereicherung erfahren werden kann (beispielsweise bei den PoL-Aufgaben, deren Lösungsraum von Vorwissen und von unterschiedlichen Perspektiven enorm profitiert).
Über die genannten Punkte versuchen wir eine vertrauensvolle und konstruktive Arbeitsatmosphäre aufzubauen.
Wir tragen gemeinsam Verantwortung. Wenn alle Beteiligten sich auf die Methoden einlassen und freundlich und wertschätzend miteinander umgehen, bildet sich eine konstruktive Arbeitsatmosphäre und es kann Spaß an der Sache und im Miteinander aufkommen. Damit schließt sich der Kreis zum WIR in der Überschrift und zum WIR im Leitbild Lehre.
Hat Sie die Beschreibung des Moduls „Einführung in Sustainability Science“ inspiriert und Sie wollen weiterlesen?
Die Autorinnen des Beitrags haben Ihre erfahrungen mit dem Modul auch auf der SEFI-Tagung vorgestellt. Hier finden Sie den Beitrag.
Die anderen Beiträge dieser Serie zur praktischen Umsetzung des Leitbilds finden Sie hier.
Die Autorinnen empfehlen die folgende Publikation zum Umgang mit Fehlern bzw. dem Lernen aus Fehlern: Fiona Rawle, Nicole Laliberté & Dan Guadagnolo (28 Mar 2025): An interdisciplinary review of learning through failure in higher education, Educational Review, DOI: 10.1080/00131911.2025.2475829
Die im Beitrag angesprochenen Formate Projektbasiertes Lernen und Forschendes Lernen haben jeweils Beiträge im LEHRELADEN. Zum Forschenden Lernen gibt es im Juni einen Workshop, in dem Sie lernen, wie Sie diese Herangehensweise in Ihrem Fach umsetzen können. Melden Sie sich hier gerne an.
Alle Beiträge aus dieser Serie
In dieser Serie nehmen wir das Leitbild "Lehre und Studium: Gemeinsam für die Welt von morgen" unter die Lupe. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie eine Vision in der Praxis umgesetzt wird? Lesen Sie gerne hier weiter: