Warum Lern- und Begegnungsorte heute wichtiger sind denn je

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Wo lernen Studierende eigentlich, wenn sie nicht im Hörsaal sitzen? Überall: in der U-Bahn, auf der Parkbank, in der Bibliothek, am Strand oder am eigenen Schreibtisch zu Hause. Und auch auf dem Campus der Ruhr-Universität gibt es zahlreiche Orte, an denen gelernt, diskutiert, geschrieben oder gemeinsam gearbeitet wird. Diese Lern- und Begegnungsorte sind heute wichtiger denn je. Viele von ihnen bleiben im Studienalltag jedoch unsichtbar.

Lernorte auf dem Campus besser finden

Genau hier setzt die neue Lernort-Karte der RUB an. Sie zeigt Lernorte auf dem gesamten Campus und macht sie über eine filterbare Übersicht leicht zugänglich: Wer einen ruhigen Stillarbeitsplatz sucht, einen Ort für Gruppenarbeit, für Videokonferenzen oder für ein spontanes Brainstorming zwischen zwei Veranstaltungen, findet mit wenigen Klicks passende Vorschläge. Die Karte will Orientierung geben – und zugleich Lust machen, den Campus neu zu erkunden.
Gesucht – gefunden!
Unsere interaktive und auch mobil sehr gut nutzbare Karte hilft bei der Suche nach passenden Lernorten.

Lernort fehlt auf der Karte? Infos nicht mehr aktuell?
Gerne nehmen wir weitere Orte auf oder aktualisieren Informationen. Dazu einfach eine E-Mail ans ZfW schreiben: zfw@rub.de.

Lernort-Landkarte ZfW

Ist ein Lernort beschädigt oder verschmutzt?
Meldungen nimmt das Gebäudemanagement über ein Ticketsystem auf.

Wie die Lernort-Landkarte entstanden ist

Die Lernort-Karte ist kein abstraktes Planungsinstrument, sondern das Ergebnis intensiver Gespräche, die wir im Projekt „Flächen der Zukunft: Lehr- und Lernflächen“ mit RUB-Studierenden geführt haben. In Workshops haben wir gemeinsam nachgezeichnet, wie sich Studierende über den Campus bewegen, wo sie Zeit verbringen und welche Lernorte sie tatsächlich nutzen. Dabei wurde schnell deutlich: Viele kennen nur einen Bruchteil der vorhandenen Möglichkeiten. Sie bewegen sich auf vertrauten Wegen zwischen Hörsaal, Mensa, Bibliothek und Fachbereich. Alles, was jenseits der individuellen Routen liegt, bleibt oft unentdeckt.

Zugleich zeigte sich, dass Studierende sehr konkrete und situationsabhängige Vorstellungen davon haben, was einen guten Lernort ausmacht: mal ruhig und abgeschirmt, mal kommunikativ, mal mit technischer Ausstattung.

Passt ein Ort nicht zu den eigenen Bedürfnissen, wechseln Studierende schnell den Schauplatz.
Sie sind eher »Lernwanderer« (Bachmann 2014, S. 97) als ›Raumtüftler‹, die ihre Umgebung trickreich manipulieren, umbauen oder herrichten (Kirschbaum/Ninnemann 2016, S. 207–209). Die Lernort-Karte ist eine direkte Antwort auf diese Beobachtungen: Sie bündelt, was bisher verstreut war, und erschließt die Vielfalt an Lern- und Aufenthaltsgelegenheiten, an Beratungs- und Unterstützungsangeboten.

Darum sind Lern- und Begegnungsorte heute wichtiger denn je

1. Selbstorganisiertes Lernen

Die wachsende Bedeutung studentischer Lernorte hängt eng mit den Bologna-Reformen und dem programmatischen „Shift from teaching to learning“ (Barr 1995) zusammen. Selbstlernanteile, Gruppen- und Projektarbeiten sind heute fester Bestandteil vieler Curricula. Sie werden über ECTS im Workload abgebildet und mit Credit Points anerkannt.

Wenn Hochschulen erwarten, dass Studierende einen erheblichen Teil ihres Studiums eigenverantwortlich, selbstorganisiert und außerhalb formaler Lehrveranstaltungen gestalten, sollten sie dafür passende Bedingungen schaffen, »Räumlichkeiten und Infrastrukturen« bereitstellen (Bachmann et al. 2014, S. 20). Lernorte sind insofern kein ›Nice-to-have‹, sondern eine strukturelle Voraussetzung zeitgemäßer Hochschulbildung.

2. Mehr als ›studentische Arbeitsplätze‹

Das ist jedoch nicht alles. Lernorte zu gestalten, beschränkt sich nicht auf das Bereitstellen ›studentischer Arbeitsplätze‹. Denn ob und was Studierende lernen, wo und wie sie das tun, hängt ab von einer Vielzahl an Rahmenbedingungen: vom didaktischen Selbstverständnis einer Universität ebenso wie von Veränderungen in Fachkulturen, vor allem aber von den gesellschaftlichen Zielen, die wir mit Hochschulbildung verfolgen, und der studentischen Lebenswirklichkeit, in die Lernen stets eingebettet ist. So zeigen aktuelle Erhebungen beispielsweise, dass Einsamkeit oder das Gefühl, mit studienbezogenen Problemen allein zu sein, auch unter Studierenden zunehmen. Fast jeder fünfte junge Mensch fühlt sich inzwischen »stark einsam« (Luhmann 2023).
Der Ruf nach »attraktiven Begegnungsorten«, an denen Menschen »nicht nur geduldet werden, sondern willkommen sind«, sich »wohl und sicher fühlen« (ebd., S. 69), muss sich daher auch darin widerspiegeln, wie wir den Campus verstehen: als einen Ort der Begegnung, des Austauschs und des sozialen Miteinanders. Als einen Ort, an dem Wissenschaft nicht abstrakt bleibt, sondern als soziale Praxis sichtbar wird.
Blättert man durch die ›Tagebücher‹, in denen RUB-Studierende im Rahmen unserer Workshops ihren ›typischen‹ Studienalltag skizziert haben, ist eines sehr auffällig: Die wenigsten kommen zielgerichtet zur ›Informationsbeschaffung‹ oder ausschließlich zum Lernen an die RUB. Stattdessen erleben sie den Campus als ›dichten Interaktionsraum‹ – als einen Ort, den sie aufsuchen, um Kommiliton:innen zu treffen, mit Lehrenden ins Gespräch zu kommen, Beratungsangebote zu nutzen oder arbeits- und freizeitbezogenen Aktivitäten nachzugehen (vgl. dazu auch Traus 2020). Nimmt man diese Bedürfnisse ernst, folgt daraus: Lernorte sind keine Orte, an denen ausschließlich gelernt wird – schon gar nicht in Humboldtscher »Freiheit und Einsamkeit«, in klösterlicher Isolation. Vielmehr sind sie Teil eines komplexen Lebensraums Campus.

3. Lernen im Alltag von Studierenden

Gerade deshalb braucht es Vielfalt. Zentrale Lernorte wie Bibliotheken, dezentrale Lernorte in den Fakultäten und informelle Orte wie Cafés oder Foyers ergänzen sich. Dezentrale Lernorte stärken Fachkultur und Zugehörigkeitsgefühl, informelle Orte eröffnen Räume für spontane Gespräche und interdisziplinären Austausch.

Die Lernort-Karte bildet diese Vielfalt ab und macht sichtbar, wie unterschiedlich Lernen auf dem Campus aussehen kann. Räumlich und zeitlich. Denn ›Viefalt‹ manifestiert sich auch darin, wie Studierende Lernphasen zeitlich in ihren Alltag integrieren. Sind Lehrveranstaltungen meist fest terminiert, rückt ›informelles‹ Lernen dagegen gern in die Randbereiche oder Zwischenräume des Tages, etwa in die Zeit zwischen zwei Veranstaltungen. Solche Pausen- oder Wartezeiten summieren sich für Studierende durchaus – nicht selten auf bis zu zwölf Wochenstunden. Zeitfenster, die »von den Studierenden häufig nicht für das Selbststudium«, sondern ebenso für »private Tätigkeiten« genutzt werden (Groß 2011, S. 129).

Studierende wünschen sich deshalb Orte, an denen sie direkt im Anschluss an Lehrveranstaltungen weiterarbeiten oder diskutieren können.
Wo lohnt es sich zu bleiben? Wo können wir uns noch kurz zusammensetzen und – vielleicht bei einem Kaffee – etwas nachbesprechen? Lernorte auf dem Campus leisten dabei übrigens grundlegend anderes als die Wohnzimmercouch oder das eigene Arbeitszimmer: Sie ermöglichen Lernen nah an der Lehre und machen Studium als sozialen Prozess erfahrbar. In unseren Gesprächen wurde deutlich: Fehlen solche Orte, sind sie nicht bekannt oder unzureichend ausgestattet, gehen Studierende nach Hause.

Die Karte: Orientierung und Entdeckung

Hier möchte unsere Lernort-Karte einen doppelten Beitrag leisten: Zum einen verzeichnet sie nahegelegene Orte und senkt die Schwelle, sie spontan zu nutzen. Sie möchte Studierenden helfen, schnell einen passenden Lernort für ihre aktuelle Situation zu finden. Gleichzeitig lädt sie zur Entdeckung ein.
Gerade auf einem großen Campus wie dem der RUB gibt es viele Orte, die sich zum Lernen eignen, aber im Alltag leicht übersehen werden.
Die Karte versteht sich nicht als abgeschlossenes Produkt, sondern als dynamisches Angebot. Der Campus verändert sich, Nutzungen wandeln sich, neue Orte kommen hinzu. Mit der Lernort-Karte möchten wir dazu beitragen, dass selbstorganisiertes und informelles Lernen auf dem Campus bessere Bedingungen finden – und Studierende den Campus als Lernumgebung neu wahrnehmen.
Bilder: Robert Schütze | ZfW
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Robert Schütze
Robert Schütze koordiniert das Projekt "Lehrflächen der Zukunft".

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