
Einleitung
Durch „KI“, genauer gesagt durch sogenannte Large Language Models (LLMs), steht eine kulturelle Praktik zur Disposition, die auch zutiefst das wissenschaftliche Arbeiten bestimmt – nämlich das Schreiben. Das führt dazu, dass an Hochschulen gerade ganz grundlegende Aspekte von Studium und Lehre diskutiert werden: Zum Beispiel der Stellenwert des Schreibens für ein Fach und für das fachliche Lernen, bekannte Herausforderungen wie ungünstige Betreuungsschlüssel, schwierige Fehler- und Feedbackkultur(en), der Sinn von Prüfungen ebenso wie die komplexe Konzeptualisierung von Eigenständigkeit und guter wissenschaftliche Praxis.
Es geht offensichtlich um schwierige Fragen in einer Situation, in der große Unsicherheit darüber besteht, was die neue Technologie langfristig für das wissenschaftliche Arbeiten und dessen Vermittlung bedeuten könnte. Statt diese Unsicherheit offen zu thematisieren, hören wir (Ben & Nadine) in unserer jeweiligen Beratungstätigkeit als Mitarbeitende am ZfW und im Projekt KI:edu.nrw jedoch oft sowohl von Studierenden als auch von Lehrenden, dass das Thema in Lehrveranstaltungen eher ausgeklammert wird.


In Gesprächen mit Studierenden zeigte sich, dass scheinbar das Vertrauen im Lehr-Lernverhältnis fehlt, offen über KI-Nutzung zu sprechen, und die Angst vor negativen Konsequenzen überwiegt. Lehrende und Studierende befinden sich in einem prekären hierarchischen Verhältnis zueinander. Prekär deshalb, weil die Lehrenden den Studierenden sowohl als Lernbegleitende, aber auch als Bewertende gegenübertreten, was zu Vorbehalten führen kann (mehr dazu weiter unten). Oft wird im Diskurs um KI-Nutzung sowohl von Seiten der Lehrenden als auch der Studierenden vor allem das Misstrauen formuliert: Dass Studierende sich „durchmogeln“ oder dass Lehrende jede Nutzung von Chatbots wie ChatGPT & Co. ohne gute Gründe verbieten wollen.
Um herauszufinden, was wir am ZfW und im Projekt KI:edu.nrw tun können, um dabei zu helfen, dass vertrauensvoller und offener über die Nutzung großer Sprachmodelle gesprochen werden kann, haben wir Fokusgruppengespräche durchgeführt. Zu diesen Gesprächen haben wir interessierte Lehrende unterschiedlicher Fächer eingeladen, ihre Erfahrungen und Gedanken zu teilen und zu diskutieren. Einige zentrale Themen, die wir daraus mitgenommen haben, möchten wir im Folgenden vorstellen.
Fokusgruppengespräche
Ergebnisse der Gespräche mit Lehrenden
Transparenz
Im Gespräch mit Lehrenden verschiedener Fachrichtungen von den Geistes- bis hin zu den Ingenieurwissenschaften äußerten beinahe alle den folgenden Wunsch im Umgang mit generativer KI: mehr Transparenz! Und diese erhoffen sich die Lehrenden nicht nur im Umgang mit ihren Studierenden, sondern auch von Seiten der institutionellen Leitung. Oft ist nämlich innerhalb der Fachbereiche gar nicht klar festgelegt, was Studierende denn überhaupt im Hinblick auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei Prüfungsleistungen dürfen, und was pauschal verboten ist. Dann ist es oft an den Lehrenden, individuelle Entscheidungen für ihre Veranstaltungen zu treffen. Doch aus Sicht der Studierenden (sowie auch der Lehrenden) führt die fehlende Einheitlichkeit mit Sicherheit zu mehr Unsicherheit und weniger Transparenz im eigenen Umgang mit KI-Hilfsmitteln.
Im Sinne von mehr Einheitlichkeit und zentralen Richtlinien wünschen sich die Lehrenden jedoch hauptsächlich, dass kritisch hinterfragt wird, was man in den jeweiligen Fächern denn überhaupt warum prüfen will. Vielleicht ist die Klausur oder Hausarbeit ja in manchen Studiengängen didaktisch bereits überholt und sollte einer alternativen Prüfungsform weichen – wichtig ist den Lehrenden schließlich auch die Frage, ob das, was im Rahmen der entsprechende Prüfungsform vermittelt wird, die Studierenden adäquat auf die Berufswelt vorbereitet. Darüber, dass diese Entscheidungen von Fach zu Fach individuell ausfallen können, sind sich die Lehrenden einig. Weiterhin wünschen sie sich, dass diese Entscheidungs- und Evaluationsprozesse, oder zumindest ihr Resultat, auch den Studierenden transparent gemacht werden. Und genau das kann am Ende Vertrauen schaffen, sagt eine Person:
Am Ende dieser Prozesse wünschen sich aber schließlich alle Lehrenden, dass übergeordnete Standards in den einzelnen Fachbereichen entstehen, die sowohl den Dozent*innen als auch den Studierenden klare Richtlinien für die erlaubte und vielleicht sogar erwünschte Nutzung von generativer KI geben.
Zudem sehen einige der Lehrenden im Schweigen über den KI-Gebrauch an unserer Hochschule ein zentrales Risiko: Das Ausbleiben der Kommunikation verzerrt nämlich das Bild, das sowohl Lehrende als auch Studierende von dem Ausmaß haben, in dem KI eigentlich genutzt wird.
„[W]enn wir darüber nicht sprechen,“ sagt eine der lehrenden Personen, „dann gibt es Schweigen oder ein allgemeines Verständnis, dass alle das tun [KI nutzen] und das zwar nicht in Ordnung ist, aber geduldet wird. Aber die Frage ist, ist es wirklich so? Und dann: Ist es wirklich so in meinem Kurs? Ist das wirklich so in meinem Studiengang? Ist das wirklich so an einer deutschen Hochschule? Die Antworten können auch sehr unterschiedlich sein.“
Die angesprochenen Richtlinien könnten laut den Lehrenden schließlich dazu beitragen, dass Studierende offener über die eigene Nutzung von generativer KI in ihrem Studienalltag sprechen. Doch die mangelnde Transparenz bei der Nutzung von KI ist keineswegs nur auf Seiten der Studierenden ein Problem: Auch einige der Lehrenden erklären, dass sie sich selbst oft nicht wohl fühlen, über die eigene Nutzung zu sprechen, was nicht nur den mangelnden Richtlinien, sondern auch zu einem gewissen Grad an der Unsicherheit und der Scham über die eigenen Praktiken der KI-Nutzung liegt. Zum Aushandlungsprozess über sinnvolle KI-Nutzung gehören jedoch nicht nur Richtlinien, sondern auch ein offener Austausch, denn vieles lässt sich (noch) nicht in Regeln festlegen. Eine teilnehmende Person sagte:
Hürden und Konflikte im Lehr-Lern-Verhältnis
Scham und Angst
Scham und Angst sind nicht nur ein Grund dafür, nicht offen über die eigene KI-Nutzung zu sprechen, sie können auch der Grund dafür sein, dass Studierende überhaupt auf KI-Anwendungen zurückgreifen, um Aufgaben im Studium zu erledigen. Nicht in einem Fokusgruppengespräch, aber als Gast in einem Seminar war es Nadine möglich, das Gespräch mit Studierenden zu suchen, um über das Thema Offenheit & Transparenz bei der Nutzung von KI zu sprechen. Dabei kam das Gespräch darauf, dass die Studierenden KI-Anwendungen oft als eine Art Rückversicherung nutzten: Z. B., um in Diskussionen zu prüfen, ob der eigene Beitrag auch sinnvoll ist, oder beim Lesen von Texten, die schwer zu verstehen sind. Angst vor Fehlern und einer negativen Bewertung durch die Lehrenden führe dazu. So waren sich viele der Studierenden einig, dass sie lieber auf Nummer sicher gehen und sich von einem KI-Modell unterstützen lassen, bevor sie etwas Falsches sagen. Daraus ziehen wir den Rückschluss, dass es eine Fehlerkultur gibt, in der Fehler nicht unbedingt als Lernmöglichkeit betrachtet werden, sondern die Sorge um negative Konsequenzen überwiegt.
In den Fokusgruppengesprächen darauf angesprochen sagten Lehrende, dass sie dieses Problem ebenfalls wahrnehmen, aber das Problem u. a. aufgrund ihrer Position als Bewertende nicht auflösen können. Eine teilnehmende Person berichtete davon, dass es schwierig sei, Studierende dazu zu bewegen, Hilfsangebote anzunehmen – auch über das Thema „KI“ hinaus.
Rollenkonflikte
Einige Lehrende legten offen, dass Bemühungen, mehr Offenheit zu schaffen, oft nicht fruchten würden; selbst wenn man z. B. das Thema KI offen und mit positiver Konnotation anspreche, schienen Studierende sich über die Art ihrer Nutzung unsicher zu sein und gäben sie lieber nicht zu. Auch dies wurde auf die Rolle des*der Bewertenden zurückgeführt, mit der sie den Studierenden begegnen.
Lernen würde auch als Leid empfunden, Lehre als „Schikane“, berichten einige Lehrende, auch in Rückblick auf ihre eigene Studienzeit. Die Lehrenden formulierten dabei immer wieder, dass es ihnen nicht darum ginge, die Studierenden mit Arbeiten zu „drangsalieren“, sondern dass sie mit bestimmten Aufgaben bestimmte Lernziele verfolgen. Dabei falle jedoch manchmal auseinander, was von den Lehrenden und den Studierenden als sinnvoll empfunden werde. Das führt uns zu folgender Erkenntnis: Zuletzt tragen die Lehrenden und Studierenden zusammen Verantwortung dafür, dass Lehre gut funktioniert, und es erscheint uns wichtig zu sein, wie viel Mühe sich die Beteiligten geben und wie sehr sie bereit sind, dem Prozess zu vertrauen.
Persönlichkeitsbildung vs. Employability
Extracurriculare Veranstaltungen
Abschließend haben wir durch die Gespräche noch eine Besonderheit identifizieren können, die das Fremdsprachenlernen in extracurricularen Veranstaltungen betrifft: Da hier die Lehrenden von einer prinzipiell anderen Fehlerkultur berichteten, in der das Scheitern und Falschliegen integraler und akzeptierter Teil des Lernprozesses ist, gibt es laut ihnen auch weitaus mehr Transparenz im Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden. Schließlich sei es den Studierenden ja freigestellt, auf KI-Tools wie DeepL und Co. zurückzugreifen, um Fehlern vorzubeugen. Doch einig sind sich die Lehrenden darin, dass diese Studierenden tendenziell schlechter die Zielsprache lernen, wenn sie sich nicht trauen, im authentischen Gespräch auch einmal Fehler zu machen und stattdessen auf (KI-)Übersetzungstools zurückgreifen. Und das merken dann im Umkehrschluss auch die Studierenden und verzichten auf diese Tools; denn oft ist ihre Motivation nicht lediglich Creditpoints zu erlangen – viele wollen auch aus intrinsischer Motivation in die Sprache eintauchen und das Sprechen ohne KI-Unterstützung lernen.
Die Lehrenden nehmen also verschiedene innere wie äußere Konflikte wahr, die sich darauf auswirken, wie offen über KI-Nutzung gesprochen werden kann. Das Thema ist mit viel Unsicherheit verbunden und bringt oft gar keine neuen Probleme hervor, sondern zeigt schon bestehende auf.
KI-Bildung
Ein Aspekt, auf den mehrere Lehrende in Bezug auf das Misstrauensverhältnis bei der offenen Kommunikation von KI-Nutzung hinweisen, ist schlichtweg die schlechte KI-Bildung (AI Literacy) sowohl von den Lehrenden als auch den Studierenden. Schließlich entstehe auch Scham, über die eigene KI-Nutzung zu sprechen, wenn man nicht weiß, wie effektiv oder sinnvoll die eigene Nutzung von KI-Anwendungen überhaupt ist. Gründe dafür sind oft die mangelnde Kommunikation der Studierenden mit ihren Kommiliton*innen und Dozent*innen, sowie das Fehlen von Best-Practice Beispielen, an denen sich alle Parteien orientieren können.
Dabei haben einige der Lehrenden Studierende bereits darauf angesprochen, ob sie ihr Ergebnis als Beispiel für den gelungen Einsatz von generativen KI-Technologien im Zusammenhang einer Leistungsüberprüfung verwenden dürfen. Oft reagierten die Studierenden aber in dieser Kommunikation verhalten: „Interessanterweise mag das [den Einsatz von KI] immer niemand zugeben, obwohl ich das dann ganz positiv konnotiere und sage, oh, das ist aber super“, teilte uns eine der lehrenden Personen mit.
Weiterhin identifizieren die Lehrenden klare Unterschiede zwischen Fächern, die bereits erfolgreich mit KI-Anwendungen arbeiten, und diese, die bis jetzt davon absehen, die Nutzung von KI zum Teil der fachlichen Praxis zu machen. Letztendlich scheitert die KI-Bildung auch oft daran, dass sich Lehrende selbst nicht KI-gebildet genug fühlen, den wünschenswerten und sinnvollen Einsatz von KI in ihren Kursen zu thematisieren und zu erproben. Gerne verweisen wir diese Lehrende auf das umfangreiche Weiterbildungsangebot des ZfW.
Take-Aways/Dinge, die man tun kann
Die Probleme, die wir in den Fokusgruppengesprächen identifiziert haben, sind in der Regel struktureller Natur und insofern oft nicht einfach individuell zu lösen. Deshalb ist es schwer, Vorschläge für Maßnahmen zu formulieren, mit denen es gelingen kann, offener über KI-Nutzung zu sprechen. Hinzu kommt, wie so oft, dass viele unterschiedliche Perspektiven eine Rolle spielen, die sich nicht einfach unter einen Hut bekommen lassen.
Ein erster Schritt kann es sein, Regeln zu vereinbaren. Welche KI-Nutzung sinnvoll ist, lässt sich zwar nicht allgemein formulieren, weil das sehr fachspezifisch ist und von verschiedenen Faktoren abhängt, aber zumindest auf Fakultäts-, Instituts-, Lehrstuhl- und nicht zuletzt auf Veranstaltungsebene kann und sollte überlegt werden, welche Nutzungsformen zugelassen sind, und dies transparent kommunizieren.
Eine Fehlerkultur, in der Personen sich trauen, auch mal etwas Falsches zu sagen oder zu tun – auch wenn es unangenehm ist –, lässt sich nicht durch reine Lippenbekenntnisse schaffen; Lehrende können dazu beitragen, indem sie zeigen, dass und wie sie selbst Fehler machen und vor welchen Herausforderungen sie stehen, um Studierende zu ermutigen, dies auch zu tun.
Gute Lehre zu gestalten, die nachhaltiges Lernen ermöglicht, war noch nie einfach. Wichtig ist es – so spiegelten es uns auch die Teilnehmenden in den Fokusgruppengesprächen – sich Gedanken zu machen und die notwendige Arbeit zu investieren. Das kritische Hinterfragen eigener Lehrpraktiken aufgrund der Tatsache, dass KI für alle jederzeit zugänglich ist, ist insofern zwar eine Herausforderung, aber auch eine Chance, sich noch einmal intensiv mit Lehre auseinanderzusetzen.
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