Eine neue Umgebung mit allen Sinnen erfahren; erleben wie es ist, fremd und unsicher zu sein; gezwungen sein, Fragen zu stellen – das sind nur drei von vielen Besonderheiten, die Lehre bieten kann, wenn sie mit Exkursionen verbunden wird. In manchen Fächern gehören Exkursionen fest zum Lehrplan und sind ein Selbstverständnis der Disziplin. Das lernförderliche Potenzial kann sich aber über alle Fakultäten erstrecken.
Besonderes Highlight im Studium
Egal, ob es Gebäude, Pflanzen, Kunstobjekte, Steine oder historische Monumente sind: Während einer Exkursion können Sie und Ihre Studierenden die Objekte Ihrer Lehre anfassen; ihre Struktur ertasten; ihre Größe in Relation zur Umgebung setzen; sie riechen, fühlen, schmecken. Das macht einen Lerngegenstand im wahrsten Sinne des Wortes „greifbar“. Deshalb bleiben Exkursionen den Studierenden auch oft als besonderes Highlight des Studiums in Erinnerung.
Lernziele von Exkursionen
Die Lernziele, die Sie als Lehrperson mit einer Exkursion beabsichtigen, können dabei ganz unterschiedlich sein:
Anwendung von Gelände-/Erhebungsmethoden
Anregung von Diskussionsprozessen
Aufzeigen von unterschiedlichen Perspektiven
Eröffnung des Zugangs zu einem Thema, zum Beispiel über die Entwicklung von Fragestellungen
Orientierung in einem neuen Thema
Festigung der fachwissenschaftlichen Identität
Die Exkursion als soziales Event, um sich kennenzulernen
Exkursionen in den ersten Semestern
Der letzte Punkt ist dabei neben den fachlichen Zielen besonders hervorzuheben. Seit der Pandemie machen Lehrende in vielen Fakultäten die Erfahrung, dass Studierende nicht mehr so oft auf den Campus kommen. Viele Studierende berichten von weniger sozialen Kontakten zu Kommiliton*innen als das früher der Fall war. Das beeinflusst ein Studium negativ, denn Lernen passiert immer auch in sozialer Interaktion.
Exkursionen ermöglichen es Studierenden, sich untereinander kennenzulernen.
Sie können Exkursionen, gerade zu Studienbeginn, deshalb auch nutzen, um Ihre Studierenden miteinander in Kontakt zu bringen. Exkursionen ermöglichen es Studierenden, sich untereinander kennenzulernen und durch das In-Bewegung-Sein auch in wechselnden Konstellationen ins Gespräch zu kommen.
Exkursionen in höheren Semestern
In höheren Semestern kommt es Ihnen als Lehrperson für weitere Exkursionen zugute, wenn die Studierenden das Format der Exkursion bereits kennen. Dann können Sie z.B. die Anwendung von theoretisch Gelerntem auf Fallbeispiele in den Vordergrund stellen. Eine gewisse Identifikation mit dem Fach geschieht dabei quasi nebenher, wenn Sie mithilfe der Exkursionen auch das (fach-)wissenschaftliche Arbeiten erlebbar machen: Die Festigung fachwissenschaftlicher Identität erfolgt oft als Nebenprodukt von Exkursionen in fortgeschrittenen Semestern.
Für die Gestaltung von Exkursionen bieten sich Ihnen viele Möglichkeiten, die in unterschiedliche Exkursionsformate geclustert und einander gegenübergestellt werden können. Ein Beispiel dafür ist sind instruktive und konstruktivistische Formate. Beide können interaktiv sein: Bei instruktiven Exkursionen erhalten die Studierenden Beobachtungs- oder Arbeitsaufgaben, sie üben Geländemethoden ein oder werden zur Diskussion angeregt. Allerdings wird ihnen das Thema, an dem sie arbeiten, sehr eng vorgegeben. Konstruktivistische Ansätze lassen hier mehr Spielraum zu. Studierende erarbeiten sich eigene Fragestellungen, denen sie bei der Exkursion nachgehen möchten und bringen ihre eigene Perspektive stärker in den Lernprozess ein.
Für die Durchführung einer Exkursion sollten Sie idealerweise vorab ein Konzept erstellen. Das könnte die folgenden Elemente enthalten:
Ziel der Exkursion (inhaltlich und räumlich): Was sind die Lernziele der Exkursion? Und, wohin soll es gehen?
Programmpunkte und Ansprechpersonen: Gestalten Sie als Lehrperson die Exkursionsinhalte alleine oder erarbeiten Sie das Programm mit den Studierenden oder thematischen oder organisatorischen Ansprechpartner*innen vor Ort? Übernehmen die Studierenden Elemente der Exkursion – inhaltlich oder organisatorisch? Benötigen Sie vor Ort bestimmtes Material (Klemmbrette, Ausdrucke, Stifte, Messinstrumente, Kameras, etc)? Sind das Dinge, die Sie als Lehrperson bereitstellen und mitbringen oder ist jede*r Teilnehmer*in selbst verantwortlich und bekommt eine Packliste von Ihnen?
Gibt es während der Exkursion verschiedene Orte an denen bestimmte Inhalte vermittelt werden sollen? Abhängig vom Fach und dem Ziel der Exkursion lohnt sich die Arbeit mit Karten und Tabellen.
An- und Abreise sowie andere organisatorische Punkte wie bei Privatreisen auch. Dazu zählt die Route, die genutzten Verkehrsmittel, Routen/Wege, die während der Exkursion zurückgelegt werden sollen, Möglichkeiten und Orte für Pausen und Verpflegung. Bei mehrtägigen Exkursionen muss die Übernachtung organisiert werden. Wie viel Sie als Lehrperson hier übernehmen und wie viel der Planung und Organisation die Studierenden für die Gesamtgruppe oder für sich individuell übernehmen, können Sie in Abhängigkeit von der Gruppengröße, dem Exkursionsziel, dem Fachsemester der Studierenden etc. entscheiden.
Aus diesen Überlegungen und dem Ziel der Exkursion sowie den organisatorischen Rahmenbedingungen ergeben sich die Zeitplanung und die Kosten.
Die beiden Zielebenen sind oft nicht übereinander zu bringen. Meist gibt es einen inhaltlichen „roten Faden“ und es gibt eine räumlich sinnvolle Route, die nicht übereinstimmen. Wägen Sie deshalb vorher ab: Welche Inhalte kann ich geschickt räumlich miteinander verbinden, wo muss ich hingegen Gedankensprünge hinnehmen, um keine räumlichen Umwege in Kauf nehmen zu müssen? Und beachten Sie dabei die nichtfachlichen Bedürfnisse der Teilnehmenden: Gibt es Ver- und Entsorgungsmöglichkeiten (Toiletten, Bäckereien, Imbissbuden, Geschäfte…)? Pausen müssen in diesem Sinne nicht nur zeitlich, sondern auch logistisch eingeplant werden. Sollte es bei einer längeren Exkursion keine Möglichkeit für die Studierenden geben, sich zwischendurch zu versorgen, sollten Sie vorab darauf hinweisen, dass sie sich ausreichend Lebensmittel und Getränke mitnehmen sollen.
Diversität, Barrieren, Bedürfnisse und kulturelle Aspekte
Exkursionen können sowohl für Sie als Lehrperson als auch für Ihre Studierenden eine großartige Gelegenheit sein außerhalb von Hörsälen und Seminarräumen mit ihrem Fach in Berührung zu kommen. Bedenken Sie jedoch auch, dass nicht alle Studierenden die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten haben. Ist die Exkursion verpflichtend für den Abschluss eines Moduls, stellen sich die folgenden Fragen zwingend, doch auch bei freiwilligen Exkursionen sollten alle Studierenden die Chance bekommen von den genannten Vorteilen zu profitieren.
Nutzen Sie diese Fragen als Impulse bei der Planung und geben Sie auch Ihren Studierenden die Möglichkeit ihre Bedürfnisse zu nennen und ihre Fragen zu stellen:
Können sich alle Studierenden die Exkursion leisten? Gibt es Möglichkeiten die Kosten zu senken (z.B. Hostel oder Jugendherberge statt Hotel, Selbstversorgung durch gemeinsames Kochen statt Restaurantbesuche, Nutzung günstiger Fortbewegungsmittel)? Gibt es von Seite des Fachbereichs die Möglichkeit einzelne Studierende finanziell zu unterstützen, um ihnen die Teilnahme zu ermöglichen? Besonders, wenn es um Geld geht, existieren Hemmungen sich bloßzustellen. Geben Sie den Studierenden die Möglichkeit sich bei Ihnen per Mail oder Sprechstunde zu melden und finden Sie gemeinsam eine Lösung.
Gibt es vielfältige Möglichkeiten zur Versorgung? Auch Möglichkeiten ohne tierische Produkte, halal und koscher, glutenfrei etc.?
Gibt es ausreichende – auch barrierefrei nutzbare – Toiletten? Sind barrierefreie Übernachtungsmöglichkeiten gegeben?
Sind die Route und die Aufgaben für alle Studierenden machbar oder können sie entsprechend angepasst werden? Falls das nicht möglich ist: Gibt es ein paralleles Programm an dem Studierende teilnehmen können, die aus unterschiedlichen Gründen nicht am „Normalprogramm“ teilnehmen können?
Besonders bei Exkursionen ins Ausland: Gibt es am Zielort kulturelle Aspekte, deren Beachtung für die Zielerreichung der Exkursion und den Aufenthalt und die Bewegung vor Ort wichtig ist? Beispiele dafür sind bedeckende Kleidung und Kopfbedeckung oder Verzicht auf diese beim Besuch religiöser Stätten, bestimmtes Verhalten im öffentlichen Raum und als Verkehrsteilnehmende, Sprachkenntnisse zur Kommunikation mit der lokalen Bevölkerung, welche Währung wird genutzt und brauchen die Studierenden entsprechendes Bargeld etc. Was müssen Sie den Studierenden entsprechend vor der Exkursion mitteilen? Ähnliches – und vielleicht selbstverständlicher - gilt auch für klimatische Aspekte wie Sonnenschutz, Regenkleidung, festes Schuhwerk etc.
Nicht alle diese Aspekte sind bei jeder Exkursion zu bedenken, doch schadet es nicht, sie im Hinterkopf zu haben. Nicht alle Einschränkungen oder Wünsche Ihrer Studierenden sind sichtbar. Geben Sie ihnen die Möglichkeit bei der Planung mitzudenken und ermöglichen Sie allen Ihren Studierenden eine Exkursion, an die sie sich noch jahrelang erinnern werden.
Angeklickt und weitergelesen
Einen umfangreichen Beitrag zu Exkursionen von Dr. Astrid Seckelmann (Geographie) mit noch mehr praktischen Tipps und Good practice-Beispielen von RUB-Lehrenden finden Sie im LEHRELADEN.
Fächer, in denen Exkursionen zum Studium und zur Fachkultur gehören, stellen manchmal online Informationen zur Verfügung. Gegebenenfalls können diese als Inspiration und Denkanstöße genutzt werden. Informieren Sie sich auch über Beantragung von Exkursionen. Dies ist vor allem aus Sicht der Versicherung aller Teilnehmenden relevant. Tauschen Sie sich mit Ihren Kolleg*innen aus und lernen Sie von deren gemachten Erfahrungen.
In diesem Blog veröffentlichen wir eine Serie, in der wir das Leitbild zu Lehre und Studium konkretisieren und zeigen welche Beispiele, Möglichkeiten und Ansprechpartner*innen es hier an der RUB gibt. Lesen Sie doch mal rein!
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Bild: adobe express