Kollegiale Beratung in den Arbeitsalltag integrieren

Blick auf das Audimax der Ruhr-Universität Bochum, bunte Stiefmüttechen sind im Vordergrund zu sehen.
Im Leitbild Lehre wird die kollegiale Beratung als ein Weg genannt, um „Lehre und Studium als partizipativen Prozess“ gemeinsam zu entwickeln. Doch worum geht es bei der kollegialen Beratung? Wie können Sie diese in Ihren Arbeitsalltag integrieren? Ein fiktives Fallbeispiel zeigt Ihnen, wie eine mögliche Fragestellung lauten könnte. Steigen Sie hier in die Schritte der kollegialen Beratung ein.
Die Autorin dieses Beitrags
Kristina Boosmann

Kristina Boosmann ist Mitarbeiterin im Bereich Hochschuldidaktik des Zentrums für Wissenschaftsdidaktik. Ihre Themenschwerpunkte sind die Konzeption und Umsetzung des Hochschuldidaktischen Qualifizierungsprogramms insbesondere mit Angeboten im Themenfeld Studierende beraten.

Darüber hinaus begleitet sie Lehrende bei der Umsetzung des Vertiefungsmoduls.

Vom Leitbild in die Praxis: Ein fiktives Fallbeispiel

Die kollegiale Beratungsgruppe aus dem Hochschuldidaktischen Qualifizierungsprogramm bietet Ihnen ein Forum, um Fragen zu Ihrem Vorgehen in der Lehre im interdisziplinären Austausch zu reflektieren. Ziel ist, Lösungen für Situationen in der Lehre zu finden. Hierzu trägt der strukturierte und moderierte Austausch von Erfahrungen und Perspektiven bei.
Lehrende, die an diesem Angebot teilgenommen haben, schätzen vielfach den Blick und Austausch über den Tellerrand der eigenen Disziplin.

Steigen wir ins fiktive Fallbeispiel ein:

„Wie kann ich meine Rolle vom „Kümmerer“ zum „Prüfer“ korrigieren, ohne einen Arbeitsabbruch der Studentin zu riskieren?“
In einer Sitzung der kollegialen Beratungsgruppe aus unserem Hochschuldidaktischen Qualifizierungsprogramm könnte dies eine Fragestellung sein, zu der eine Lehrperson Rat von Kolleg*innen einholen möchte. Ihr geht die Situation in der Betreuung studentischer Arbeiten durch den Kopf, konkret die Betreuung einer Masterarbeit in der Endphase des Studiums. Die Studentin ist leistungsstark, aber sehr unsicher. Wöchentlich sendet sie der Lehrperson Textfragmente mit der Bitte um „Absegnung“. Die Lehrperson hat anfangs intensiv korrigiert und der Studentin Rückmeldungen gesendet. Jetzt fühlt sie sich durch die Frequenz der Anfragen unter Druck gesetzt. In der kollegialen Beratungsgruppe sucht sie nach Orientierung, wie sie sich weiter gegenüber der Studentin verhalten kann.

Was es vorab zu bedenken gilt

Kollegiale Beratung ist kein schlichter Plausch im Vorbeigehen. Die Methode setzt bei allen Beteiligten ein strukturiertes, reflektiertes Vorgehen im geschützten Rahmen voraus. Es ist wichtig, dass der Austausch moderiert wird und dass alle Beteiligten die Rollen, Prinzipien und den Ablauf der kollegialen Beratung kennen(lernen).
Vor dem Start sollten Fragen wie diese geklärt werden:
Wie gut kennen sich die Beteiligten?

Gibt es in der Gruppe der Lehrenden Status-Abhängigkeiten, zum Beispiel Vorgesetzte und Mitarbeiter*innen, die das Sprechen über ein schwieriges Thema ausschließen?

Welche Kommunikationsregeln gelten für die Beratung?

Wie wird das Anliegen respektvoll und vertraulich behandelt?

Welche Themen eignen sich?

Rollen in der kollegialen Beratung

In der Kollegialen Beratungsgruppe lassen sich drei Rollen voneinander unterscheiden:

Moderator*in

begleitet und visualisiert den Fall

ermittelt das Ziel der Beratung und die Fragestellung für die anderen Lehrenden

sortiert die Beiträge der Lehrenden

achtet auf die Einhaltung der Prinzipien

kann für sich entscheiden, ob sie/er sich auf die Moderationsrolle beschränken möchte oder sich auch beratend oder reflektierend beteiligt

Fallgeber*in

bringt das Thema/die Situation/den Fall ein

gibt die zur Bearbeitung erforderlichen Informationen

formuliert ihr/sein Beratungsanliegen

ist bereit, zuzuhören und sich ergebnisoffen mit den Fragen, Ideen und Lösungsvorschlägen der Kolleg*innen auseinanderzusetzen

Die weiteren Lehrenden

bilden eine Reflexionsgruppe

bringen wertschätzend ihre Assoziationen zum Fall ein

unterstützen bei der Initiierung möglicher Lösungen
Worum es in dieser Serie geht

In dieser Serie setzen wir uns gemeinsam mit dem Dezernat 1 und verschiedenen Akteur*innen an der RUB mit dem Leitbild Lehre und Studium auseinander.

Das Leitbild wurde in einem umfangreichen partizipativen Prozess aktualisiert und 2024 veröffentlicht. Es soll für den Lehr- und Lernalltag an unserer Universität handlungsleitend sein.

Wir gehen in dieser Serie auf einzelne Aspekte aus dem Leitbild ein, stellen Ansprechstellen und -personen vor, gehen auf Beratungs- und Weiterbildungsangebote ein und zeigen Beispiele zur praktischen Umsetzung.

Deckblatt des "Leitbilds Lehre und Studium: Gemeinsam für die Welt von Morgen."

Prinzipien der kollegialen Beratung

Handle stets so, dass sich die Anzahl der Möglichkeiten vergrößert!“
von Schlippe/Schweitzer 2007, S. 116
Kollegiale Beratung baut auf sechs Prinzipien auf:

Vielfalt

Vervielfältigung von Sichtweisen, Ideen, Möglichkeiten durch gleich-Gültigkeit

„Thinking out of the box” – nicht auf das zuvor Gesagte beziehen, neue, gern auch ungewöhnliche Ideen einbringen

Fallgeber*in wählt aus oder lässt sich anregen zu neuen Ideen

Hypothesen

Verzicht auf Wahrheitsanspruch – „Meine Wahrheit muss nicht Deine sein“

Ziel: über Neues nachdenken, neue Pfade einschlagen, Ideen spinnen

Vielfalt an Hypothesen = Vielfalt an Möglichkeiten

Struktur

zeitlicher und inhaltlicher Ablauf für alle kommuniziert

Strukturierung durch Gesprächsleitung

Oberflächlichkeit

oberflächlich heißt: mit Zeitbegrenzung, lösungsorientiert, eher auf Wirkungen statt auf Ursachen bedacht

auftrags - statt „einmischungsorientiert“, also immer wieder auf die Zielsetzung des/der Fallgeber*in berufen

bedenken, dass nicht jedes Mal eine Lösung gefunden werden kann

Fehlerfreundlichkeit

Kollegiale Beratung darf etwas Spielerisches, Experimentelles, Leichtes haben

Gewinn: entspannteres Arbeiten

Humor

Wir können leichter neue Ideen entwickeln und im Gedankenexperiment aufnehmen, wenn wir entspannt sind.

Quelle:
in Anlehnung an Herwig-Lempp, 2009, S. 155 f.

Ablauf mit Veranschaulichung am fiktiven Fallbeispiel

Falldarstellung

Die Lehrperson im fiktiven Fallbeispiel „vom Kümmerer zum Prüfer“ beschreibt sich als zugewandt und unterstützend. Sie definiert ihren Erfolg teilweise über die guten Noten der Studierenden. Bei der Betreuung der Masterarbeit einer Studentin scheint sich die Lehrperson in eine Endlosschleife der Rückmeldungen gebracht zu haben.


Beratungsziel

Die Lehrperson konkretisiert ihr Beratungsanliegen, für das sie sich Anregungen und Ideen aus der Gruppe wünscht: „Wie setze ich jetzt noch Grenzen?“


Klärungsfragen

Die anderen Lehrenden aus der kollegialen Beratungsgruppe stellen Rückfragen:
„Gibt es klare Kriterien für die Betreuung?“
„Warum fällt es Dir so schwer, Nein zu sagen?“


Hypothesen, Assoziationen

Die Lehrenden, die sich den Fall und die Fragestellung angehört haben, bringen ihre Hypothesen dazu ein:
„Das Modulhandbuch definiert „Selbstständigkeit“ nicht klar genug, weshalb beide ihre Rollen frei interpretieren.“
„Die Studentin scheint keine fachlichen Lücken zu haben, sondern Angst vor dem eigenen Urteil. Diese Ängste lädt sie bei der Lehrperson ab.“


Lösungsoptionen

Die anderen Lehrenden bringen in beliebiger Reihenfolge ihre Lösungsideen ein. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass es nicht um die perfekte Lösung geht. Denn die liegt ganz bei der/dem Fallgeber*in. Was zählt ist die Devise: Je mehr Ideen, desto besser. So erhält die Lehrperson vielfältige Optionen zu handeln.
„Ein klärendes Gespräch könnte hilfreich sein. Nützliche Worte für den Einstieg könnten dabei für Dich sein: „Ich merke, dass unsere derzeitige Arbeitsweise Sie nicht sicherer, sondern unsicherer macht.“.“
„Könntest Du Deine Rückmeldungen limitieren? Wie wäre es zum Beispiel damit: „Sie haben noch genau zwei Joker für Rückmelde-Runden“.“


Ausblick der Fallgeber*in

Die Lehrperson beschreibt, was sie als nächstes tun möchte. Die Verantwortung für den nächsten Schritt liegt allein in ihren/seinen Händen. Es geht nicht um eine Rückmeldung an die anderen Lehrenden im Sinne einer Priorisierung des besten Einfalls. Die Lehrperson argumentiert mit dem Inhalt, der auch der eigene Gedanke sein kann, ausgelöst durch die Rückmeldungen der anderen Lehrenden.
„Meine Rückmeldungen zu limitieren treibt mich gerade um. Daran möchte ich ansetzen. Dazu werde ich …“.

Den Ablauf der kollegialen Beratung können Sie vertiefend beispielsweise hier nachlesen: Herwig-Lempp, 2009; S. 161 f.
Angebote im ZfW

Sie haben Interesse daran, die kollegiale Beratung in Ihrem Arbeitsbereich umzusetzen? Wir beraten Sie dazu gerne. Melden Sie sich gern per Mail an zfw-hd@rub.de und wir stimmen einen Termin für die gemeinsame Planung ab.

Darüber hinaus bieten wir Ihnen im ZfW diese Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung von kollegialer Beratung in Ihrem Arbeitsalltag an:

Im Basismodul des Hochschuldidaktischen Qualifizierungsprogramms können Sie an fünf Treffen der Beratungsgruppe teilnehmen. Melden Sie sich hier im Fortbildungsportal an.

Teaching Analysis Poll (TAP) – Zwischenevaluation zur Semestermitte:
Das TAP bieten wir Ihnen in einem neuen, kollegial ausgerichteten Format an.
Wie lernen meine Studierenden in meiner Lehre am besten? Was verhindert ihr Lernen? Was wären Möglichkeiten, um das zu verbessern? Der nächste Termin ist der 20. März 2026. Anmeldungen sind hier möglich.


Rückmeldungen von verschiedenen Statusgruppen einholen: In unserem Lehrportal LEHRELADEN geben wir Ihnen einen Überblick, auf welche Weise Sie sich Rückmeldungen zu Ihrer Lehre einholen können.
Hilfreiche Literaturtipps
Herwig-Lempp, Johannes (2009): Ressourcenorientierte Teamarbeit. Systemische Praxis der kollegialen Beratung. Ein Lehr- und Übungsbuch. Vandenhoeck & Ruprecht.

Von Schlippe, Arist/ Schweitzer, Jochen (2007): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht.
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