Raumlabor Philologie: Wie ein partizipatives Experiment an der RUB zur Lernumgebung wird

Beitragsbild: Raumlabor Philologie: Wie ein partizipatives Experiment an der RUB zur Lernumgebung wird
Flexibles Mobiliar, moderne Ausstattung für hybride Settings, didaktisch vielseitig, partizipativ entwickelt, bedarfsorientiert gestaltet – das ist das neue Raumlabor Philologie.  Der Innovationsraum in GB 03/142 unterstützt polyzentrische Lernsettings und sowohl klassische als auch kreative Formate. Was das Raumlabor alles kann und wie es entstanden ist, das lesen Sie hier!

Was ist das ›Raumlabor Philologie‹?

Wenn an einer Universität ein neuer Lehrraum entsteht, geht es rasch um Baulich-Technisches. Einen Raum einrichten, bedeutet das nicht: Wände streichen, Beamer montieren, Möbel auswählen? Und ist ein Raum nicht ›fertig‹, sobald ich ihn betreten, mit ihm arbeiten, in ihm lehren und lernen kann?
Genau diese Grundannahmen möchte das Raumlabor Philologie (GB 03/142) infrage stellen. Gemeinsam mit der Fakultät für Philologie haben wir im Projekt Flächen der Zukunft: Lehr- & Lernflächen einen Modell- und Experimentierraum entwickelt, der weniger das Ergebnis klassischer Planung ist als das Resultat eines offenen, iterativen und stark partizipativen Prozesses. Am Beginn stand für uns die Frage, was denn ein ›Lehrraum der Zukunft‹ sein kann – und welche konkreten Probleme ein solcher Raum für die Lehre lösen muss.
Wussten Sie schon, dass…
mit dem Raumlabor Philologie (GB 03/142) an der RUB eine multifunktionale Lernumgebung entstanden ist, die alle Universitätsangehörigen nutzen können? Infos zur Buchung hier.

der Raum für viele verschiedene Settings wie Seminare, als studentischer Lernort, für Workshops oder für Abendveranstaltungen geeignet ist?

es konkrete Tipps zur Nutzung des Raumlabors mit Anregungen für unterschiedliche Aktivitäten, Gruppengrößen, Sozialformen, Diskussions-, Präsentations- und Bewegungsphasen gibt?
Das Raumlabor Philologie ist ein Ort, der der Leitidee folgt, dass die ›Lehre der Zukunft‹ vor allem interaktiv und diskursorientiert ist und Räume verbindet, die an Universitäten gern als getrennte ›Sphären‹ behandelt werden:
Zonen für ›informelles‹ Lernen treffen auf Bereiche für ›formale‹ Lehre.
Bewegliche Möbel und ein hoher Anteil beschreibbarer Flächen animieren Lehrende und Lernende dazu, den Raum aktiv als didaktischen Faktor in die Lehre einzubeziehen. Und auch technisch setzt der Raum ganz aufs Teilen, Verbinden, Verknüpfen: Studierende können digitale Inhalte dank ShareLink unkompliziert kabellos im Plenum teilen, während die hybride Infrastruktur (u.a. mit Deckenmikrofonen, mehreren Kameras, Audiotracking und automatischem Zoom) neue Möglichkeiten eröffnet, physische und digitale Räume zu verbinden.
Das Raumlabor ist damit ein Experiment und ein Angebot zugleich. Und es ist das sichtbare Produkt zahlreicher Gespräche, Modellentwürfe, Kritikpunkte und Visionen.

Neue Lehre, alte Räume: ein wachsender Widerspruch

Vor dem Raumlabor standen Monate intensiver Auseinandersetzung mit einem Problem, das uns in den Fokusgesprächen mit RUB-Lehrenden im Herbst 2024 unisono begegnete:
Viele Räume sind – aus Sicht der Lehrenden – für heutige Lehr- und Lernformen ungeeignet.
Frontalunterricht funktioniert zwar, interaktive Arbeit dagegen kaum. Mal erschwert fest verschraubte Reihenbestuhlung das Zusammenarbeiten, mal sind digitale Komponenten uneinheitlich oder veraltet.
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Auch wenn diese Kritik in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich ausgeprägt ist, gibt es in einem Punkt großen Konsens:
Räume müssen flexibler werden, wenn die Lehre flexibler werden soll.
Immerhin berichten Lehrende uns von Situationen, in denen didaktische Konzepte allein am Raum scheitern: Gruppenphasen erzeugen Lärm, weil es keine Möglichkeit zur räumlichen Trennung gibt. Studierende weichen in Flure aus, weil es an geeigneten Arbeitsbereichen fehlt. Technische Hürden verhindern hybride Szenarien.
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Gleichzeitig lernen Studierende anders als vor zehn oder zwanzig Jahren. Aufmerksamkeitsspannen verändern sich, digitale Gewohnheiten haben sich verschoben, und der Bedarf nach verschiedenen Nutzungsmodi – Ruhe, Austausch, Rückzug, Gruppenarbeit – ist gestiegen. Räume müssen darauf reagieren.

Partizipation als Leitprinzip

Wie werden nun aber aus den konkreten Lehrerfahrungen der Vergangenheit und Gegenwart Raumkonzepte für die Zukunft? Dem sind wir nachgegangen in einer Reihe an Fokusgesprächen und Kreativworkshops, in denen wir viel diskutiert, Visionen entwickelt, vor allem aber auch gezeichnet, gebastelt, gebaut haben. Mit Papier, Stift und Schere. Mit Lego®-Serious-Play®-Sets. Mit Lehrenden, Studierenden, Mitarbeitenden. Und das heißt: Mit all denen, deren tägliches Tun ›neue‹ Räume erst zum Leben erweckt. Denn trivial ist es keineswegs, wenn wir fragen: Was bedeutet es eigentlich, etwas zu ›tun‹ in Lehrräumen – zumal in denen, die noch gar nicht existieren, in denen wir uns an der RUB erst in zwanzig oder dreißig Jahren sehen? Werden wir 2050 noch mit Kreide Formeln an eine Tafel schreiben? Werden wir in einem Hörsaal vor 800 Personen Powerpoint-Folien kommentieren?
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Lehrraumentwurf einer RUB-Studierenden (Workshop im Dezember 2024)

Obwohl es den ›idealen‹ Lehrraum nicht gibt, berühren sich die Vorstellungen, Visionen, Wünsche in manchen Punkten. Trotz aller fachspezifischen Unterschiede zeichnen sich Schnittmengen und Überlappungen ab.
Grundsätzlich gilt: Gerade weil wir ein heterogenes Spektrum an Lehrsituationen erwarten, ist Flexibilität der Schlüssel. Sowohl synchron (modifizierbare und vielseitige Räume) als auch diachron (modulare, leicht umnutzbare Räume). Kann man das, was uns Lehrende und Studierende im Dialog berichten, auf eine Schlagwortliste bringen, auf eine Sammlung gewissermaßen ›leitmotivischer‹ Raummerkmale? Probieren wir es …
RUB-Lehrende wünschen sich für künftige Lehrräume insbesondere
mehr bewegliche Möbel

Räume, die sowohl Input als auch Gruppenarbeit unterstützen

Zonen, die die Grenze zwischen Lehr- und Lernort durchlässig machen

›hierarchiefreie‹ Gestaltung: Räume ohne klares ›Vorne‹ und ›Hinten‹

zuverlässige hybride Technik

gute Akustik, Tageslicht, angemessene Stromversorgung durch sinnvoll über den Raum verteilte Steckdosen
RUB-Studierende wünschen sich in unseren Workshops zusätzlich
inspirierende Gestaltung statt funktionaler Nüchternheit

mehr Pflanzen, mehr Farbe, hohe Aufenthaltsqualität

Ruhezonen und Kommunikationsbereiche für den Austausch

Freiflächen und ›Zwischenräume‹ (wie Flure), in denen man gern bleibt – nicht nur, weil gleich der nächste Kurs ansteht

deutlich mehr Mitbestimmung und Mitgestaltung

Vom Wunschzettel zum Experimentierraum: Das kann das Raumlabor

Das Raumlabor Philologie nimmt genau diese Impulse auf. Entstanden ist in einem ehemaligen, seit längerem nicht mehr genutzten CIP-Pool in GB 03/142 ein Raum, der als prototypische Lernumgebung fungiert: mit gut 100 m² groß genug für Seminare, offen genug für Gruppenarbeit, technisch ausgestattet für hybride Formate – ein Raum, der vor allem dazu einladen möchte, mit Raumkonstellationen in der Lehre zu experimentieren. Ein ›Labor‹ im Wortsinn – eine Lernumgebung, die gerade keine Perfektion im Design anstrebt, sondern als ›unfertiges‹ Setting zum Mit- und Umgestalten anregt. Die Zonierung orientiert sich dabei explizit an den Entwürfen der Workshop-Teilnehmenden.

1. Polyzentrischer Lehrbereich

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Herzstück des Raumlabors sind bewegliche Tische und Stühle, die sich in wenigen Minuten vom Frontal-Setup in eine kooperative Arbeitslandschaft verwandeln lassen. Gruppeninseln, Plenumsflächen und Präsentationsbereiche können situativ umgruppiert werden. Durch mehrere bewegliche Präsentationsflächen begünstigt der Raum ›polyzentrische‹ Raumkonfigurationen – und macht so erlebbar, dass Lehre sich nicht auf die klassischen ›Fireplace‹-Szenarien um das Dozierendenpult herum beschränken muss. Räume ohne starre Zentren können – sofern sie didaktisch klug genutzt werden – nachweislich dazu beitragen, Lehre sozialer, interaktiver zu gestalten und Lernprozesse von Studierenden zu unterstützen (vgl. Byers 2018, Krümpel 2023). Im Raumlabor experimentieren wir deshalb nicht zuletzt mit der Stromversorgung: Neben den Steckdosen im Wandbereich gibt es mehrere Stelen, die Gruppenarbeit an digitalen Endgeräten erleichtern sollen – ohne dass Studierende im Wandbereich ›versacken‹.

2. Orte des ›informellen‹ Lernens

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Neben dem flexibel gestaltbaren Lehrbereich integriert das Raumlabor Sofas, Hocker und Sitzsäcke, Pflanzen und eine Theke zum informellen Plaudern. Damit greift es ein wiederkehrendes Motiv aus unseren Workshops auf: den Wunsch nach ›komplexen‹ Räumen, die neben der curricular verankerten Lehre auch als studentische Lern- und Aufenthaltsorte dienen – und so sichtbar machen, dass Lernen sich längst nicht nur in Seminaren und Vorlesungen abspielt, sondern ebenso im ›Dazwischen‹ der Ein- und Übergangsbereiche, in Pausen und Wartezeiten, auf Fluren und an den Rändern der ›offiziellen‹ Lehre.

3. Hybridtechnik auf hohem Niveau

Das Raumlabor ist für hybride und digitale Szenarien ausgestattet. Dazu gehören:
leistungsstarke Kamerasysteme mit Bewegungsverfolgung

Deckenmikrofone

ShareLink-Technologie für kabelloses Präsentieren

Smartboard / digitale Projektionsflächen
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4. Bewegte Lehre

Kaum etwas ist besser geeignet, »Bewegung im Denken« auszulösen, als Bewegung im Raum – so drückte es eine Lehrende in einem unserer Fokusgespräche aus. Das Raumlabor möchte im Einklang mit den Lehrraumexperimenten anderer Hochschulen dazu animieren, Bewegung methodisch klug mit Lernaktivitäten zu verbinden (vgl. Rupp et al. 2020). Höhenverstellbare Tische und Stehhilfen erleichtern Arbeitsphasen im Stehen. Und da die meisten Tische klappbar und beweglich sind, lässt sich im Handumdrehen eine größere Freifläche im Raum erzeugen.
Übrigens: Tipps zur Bewegten Lehre finden Sie auch im LEHRELADEN, unserem Portal für inspirierte Lehre.

Didaktische Vielseitigkeit: Der Raum kann vieles – aber nicht alles gleichzeitig

Bild von der pdf: Nutzungstipps Raumlabor Philologie
Eine Erkenntnis aus den Fokusgesprächen war, dass ein einzelner Raum nie alle Anforderungen aller Disziplinen erfüllen kann – und das auch nicht muss. Das Raumlabor Philologie ist deshalb kein Alleskönner, sondern ein Raum, der bewusst ausgewählte, häufig an ›Lehrräume der Zukunft‹ herangetragene Anforderungen umsetzt. Er eignet sich:
für Seminare und Workshops

für Input-Phasen mit anschließenden Gruppenarbeiten

für ko-kreative Szenarien

für hybride Formate und Aufzeichnungen

für selbstorganisierte studentische Arbeitsphasen

für Peer-Learning und Projektarbeit

für Abendveranstaltungen
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Die technische Ausstattung überfordert dabei nicht, sondern bleibt intuitiv. Lehrende müssen sich nicht neu erfinden, aber sie können es – wenn sie möchten. Genau das war ein Anliegen vieler Workshop-Teilnehmenden: Räume sollen dazu einladen, Routinen infrage zu stellen, ohne dabei zu überfordern. »Didaktische Abwärtskompatiblität« lautet die Formel, auf die es ein RUB-Lehrender brachte.

In aller Kürze: Die Kerninfos

Offiziell eröffnet wurde das Raumlabor Philologie am 19. November 2025. Es wird im Wintersemester 2025/26 vor allem für Lehrveranstaltungen der Theaterwissenschaften genutzt, steht aber grundsätzlich allen Universitätsangehörigen offen. Es eignet sich insbesondere für interaktive Veranstaltungen mit bis zu 30 Personen. Aber auch bis zu 50 Personen finden hier Platz, sofern es sich um eine stärker inputorientierte Veranstaltung handelt. Weitere Informationen zur Buchung: https://www.dekphil.ruhr-uni-bochum.de/dekphil/raumlabor.html.de

Finanziert wurde die Raumausstattung durch Mittel aus dem Lerninfrastrukturprogramm der RUB, aus dem Projekt »Flächen der Zukunft: Lehr- und Lernflächen« und Mitteln der Fakultät für Philologie.

Das Raumlabor ist ein ›Modellraum‹. Es versteht sich als Versuchsfläche, auf der wir die räumlichen Bedingungen, unter denen wir an der RUB künftig lehren und lernen, besser verstehen wollen. Die Nutzung des Raums wird deshalb umfassend evaluiert. Aus den Ergebnissen wollen wir Rückschlüsse für die Gestaltung weiterer Lehr- und Lernflächen an der RUB gewinnen. Das Raumlabor ist insofern Element eines iterativen Prozesses der Lernraumgestaltung, eine Testumgebung. Keine Endstation, sondern ein Experiment, das gerade erst beginnt.

Die anleitenden Nutzungstipps können Sie hier herunterladen.
Bildnachweis: Robert Schütze / Projekt Flächen der Zukunft
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Robert Schütze
Robert Schütze koordiniert das Projekt "Lehrflächen der Zukunft".

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