Expedition ins Land der Motivation: Entwicklung evidenzbasierter Handlungsempfehlungen zu motivationalen Herausforderungen im Studium

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Ein Blog-Gastbeitrag aus der Fakultät für Psychologie über ein Seminar von Prof. Dr. Marie Hennecke, verfasst von Zeynep Börek (Autorinnen-Informationen siehe ganz unten).

Die Hausarbeit müsste längst begonnen sein. Die Prüfung rückt näher. Eigentlich war fest eingeplant, heute zu lernen – und trotzdem passiert nichts und der Arbeitsbeginn wird aufgeschoben. Solche motivationalen Herausforderungen gehören für viele Studierende zum Studienalltag. Doch was steckt eigentlich dahinter, wenn es schwerfällt, anzufangen, dranzubleiben oder die eigenen Ziele zu verfolgen? Und vor allem: Was kann in solchen Situationen helfen?

Genau hier setzte unsere Seminaridee zum Thema Motivationspsychologie an, für das wir im Rahmen der 35. Wettbewerbsrunde des E-Learning Wettbewerbs 5x5000 (Thema: „Entdecken. Erforschen. Erfahren – Innovative Lehrideen für projektorientiertes Lernen“) eine Förderung eingeworben haben: Statt Motivation ausschließlich anhand von Lehrbüchern und Theorien zu betrachten, sollten die Studierenden sie dort entdecken, wo sie ganz konkret eine Rolle spielt und manchmal fehlt: in ihrem eigenen Studienalltag. Ziel des projektbasierten Seminarkonzepts war es, die theoretische Auseinandersetzung mit motivationspsychologischen Inhalten mit empirischer Forschung und praktischer Anwendung zu verbinden.

Dafür begaben sich die Studierenden auf eine Reise durch die Landschaft der Motivation. In drei aufeinander aufbauenden Phasen wechselten sie immer wieder ihre Perspektive: Zunächst machten sie sich als Entdecker*innen auf die Suche nach motivationalen Herausforderungen in ihrer eigenen Studienrealität. Anschließend wurden sie zu Forscher*innen, die diese Herausforderungen nicht nur beschreiben, sondern auch empirisch untersuchen wollten. In der letzten Phase übernahmen sie schließlich die Rolle von Berater*innen: Aus ihren eigenen Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen entwickelten sie konkrete Handlungsempfehlungen und gestalteten daraus Wegweiser, die anderen Studierenden Orientierung im Umgang mit motivationalen Herausforderungen geben sollen.
Abbildung Landkarte der Motivation
Abbildung Landkarte der Motivation (Quelle: aus dem Seminar zur Motivationspsychologie)

Erste Phase: Als Entdecker*innen die eigene Motivationslandschaft kartieren

Bevor die Motivationslandschaft genauer erforscht werden konnte, hieß es zunächst: Orientierung gewinnen. Dafür schlüpften die Studierenden in die Rolle von Entdecker*innen und richteten den Blick auf ihren eigenen Studienalltag. Nach einer ersten Aktivierung ihres motivationspsychologischen Vorwissens, das im vorigen Semester im Rahmen einer Vorlesung erworben wurde, sammelten und diskutierten die Studierenden in ihrer Kleingruppe Situationen, in denen Motivation für sie im Studienalltag zur Herausforderung wird.

Im nächsten Schritt nahmen die Studierenden diese Alltagserfahrungen genauer unter die Lupe und gingen der Frage nach, wie sich die beobachteten Herausforderungen motivationspsychologisch erklären lassen. Aus der alltäglichen Beschreibung „Ich schiebe Aufgaben immer wieder auf“ wurde so beispielsweise das wissenschaftliche Konstrukt der Prokrastination. Auf diese Weise entstand nach und nach ein gemeinsames Glossar, in dem die identifizierten Konstrukte wissenschaftlich fundiert definiert wurden.

Beispiel eines studentischen Glossareintrags
Damit hatte die Motivationslandschaft erste Konturen bekommen: Aus persönlichen Alltagserfahrungen waren wissenschaftlich beschreibbare motivationale Herausforderungen geworden. Doch die bisherige Karte beruhte vor allem auf den Erfahrungen der eigenen Kleingruppe. Offen blieb die Frage, wie relevant diese Herausforderungen auch für andere Studierende sind.

Zweite Phase: Als Forscher*innen die Landschaft erkunden

Um dieser Frage nachzugehen, wechselten die Studierenden ihre Rolle: Aus Entdecker*innen wurden Forscher*innen. Nun ging es darum, die zuvor identifizierten motivationalen Herausforderungen nicht mehr nur ausgehend von den eigenen Erfahrungen zu betrachten, sondern sie systematisch mit empirischen Methoden zu erkunden.

Dafür verließen die Studierenden den Seminarraum und machten sich auf den Weg über den RUB-Campus. Ausgestattet mit digitalen Fragebögen befragten sie andere Studierende zu den ausgewählten motivationalen Konstrukten.

Anschließend galt es, die gesammelten Daten auszuwerten und die verschiedenen motivationalen Herausforderungen miteinander zu vergleichen: Welche davon scheinen im Studienalltag der befragten Studierenden besonders bedeutsam zu sein? Auf Grundlage ihrer Ergebnisse identifizierte jede Kleingruppe ein bis zwei Herausforderungen, mit denen sie sich im weiteren Verlauf vertieft auseinandersetzte.

Inzwischen kannten die Studierenden ihre Motivationslandschaft deutlich genauer. Sie hatten motivationale Herausforderungen identifiziert, empirisch untersucht und herausgefunden, welche davon für Studierende besonders relevant sein könnten. Doch eine entscheidende Frage blieb noch offen: Was kann Studierenden helfen, wenn sie auf genau diese motivationalen Hindernisse stoßen?

Beispiel einer studentischen Auswertung

Konstrukt

M

SD

Min.

Max.

Prokrastination

2,74

0,65

1,50

4,28

Selbstkontrolle

3,05

0,48

1,85

3,93

Zielkonflikt

4,23

1,42

1,00

7,00

Was zeigen die Daten?
Bei den befragten Studierenden zeigte sich im Durchschnitt ein mittleres Ausmaß an Prokrastination (M = 2,74 auf einer Skala von 1 bis 5). Höhere Werte entsprechen einer stärker ausgeprägten Prokrastination.

Bei den befragten Studierenden zeigte sich im Durchschnitt ein mittleres Ausmaß an Selbstkontrolle (M = 3,05 auf einer Skala von 1 bis 5). Höhere Werte entsprechen einer stärker ausgeprägten Selbstkontrolle.

Bei den befragten Studierenden zeigte sich im Durchschnitt ein leicht über der Skalenmitte liegendes Ausmaß an Zielkonflikten (M = 4,23 auf einer Skala von 1 bis 7). Höhere Werte entsprechen stärker ausgeprägten Zielkonflikten.

Für den weiteren Projektverlauf rückten Zielkonflikte daher als eine relevante motivationale Herausforderung in den Fokus.

Dritte Phase: Als Berater*innen Wege durch die Motivationslandschaft aufzeigen

Damit begann die dritte und letzte Phase der Reise – und erneut wechselten die Studierenden ihre Rolle. Aus Forscher*innen wurden nun Berater*innen. Ihr Ziel war es, auf Grundlage ihrer bisherigen Erkenntnisse konkrete Wege durch die Motivationslandschaft aufzuzeigen.

Dafür führte der erste Schritt zurück in die wissenschaftliche Literatur. Die Kleingruppen beschäftigten sich gezielt mit den ein bis zwei motivationalen Herausforderungen, die sie zuvor als besonders relevant identifiziert hatten und suchten nach wissenschaftlich fundierten Strategien, Interventionen und Handlungsempfehlungen. Die recherchierten Ansätze hielten sie in einem gemeinsamen Glossar fest. So entstand eine wissenschaftliche Grundlage dafür, wie Studierende diesen Herausforderungen im Studienalltag konkret begegnen können.

Beispiel eines studentischen Glossareintrags
Das Konzept der Zielharmonie kann dabei helfen, mit konkurrierenden Zielen umzugehen.

Zielharmonie liegt vor, wenn sich verschiedene Ziele ergänzen oder gegenseitig unterstützen, sodass das Erreichen eines Ziels zugleich zur Verwirklichung eines anderen beiträgt. Studien zeigen zudem, dass Zielharmonie die Motivation vorhersagt und diese auch ursächlich steigern kann.

Um die Motivation von Studierenden bei der Verfolgung ihrer Ziele im universitären Kontext zu fördern, soll daher eine stärkere Abstimmung und Vereinbarkeit ihrer verschiedenen Ziele unterstützt werden.

Forschungsergebnisse zufolge kann Zielharmonie durch den kognitiven Prozess der mentalen Integrationgefördert werden. Dabei reflektieren Studierende die Zusammenhänge zwischen ihren verschiedenen Zielen und erkennen multifinale Mittel – also Handlungen oder Strategien, die nicht nur einem einzelnen Ziel dienen, sondern gleichzeitig positive Auswirkungen auf weitere Ziele haben.
Die gefundenen Erkenntnisse sollten jedoch nicht im Seminarraum oder in wissenschaftlichen Artikeln verbleiben. Die Studierenden sollten wissenschaftliches Wissen so übersetzen, dass es für andere Studierende verständlich, ansprechend und vor allem praktisch nutzbar wird. Aus den bisherigen Stationen ihrer Reise – den eigenen Erfahrungen, den empirischen Ergebnissen und den Erkenntnissen aus der wissenschaftlichen Literatur – entwickelten die Kleingruppen ihre eigenen Wegweiser durch die Motivationslandschaft. Ob Broschüre, Video, App-Entwurf oder Instagram-Kanäle: Die Studierenden konnten selbst entscheiden, welches Format sich am besten eignete, um ihre Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen an andere Studierende weiterzugeben.
Am Ende der dritten Phase hatte sich damit der Kreis geschlossen: Aus einer zunächst ganz persönlichen Erfahrung im Studienalltag war über die theoretische Einordnung und empirische Erforschung eine wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlung für andere Studierende entstanden. Die Studierenden hatten ihre eigene Reise zwar abgeschlossen, die entstandenen Wegweiser, die anderen helfen können, bleiben jedoch bestehen.

Learnings für Dozierende

Auch für Lehrende brachte die erste Durchführung des Seminars wertvolle Erkenntnisse mit sich. Die Rückmeldungen der Studierenden bestätigten zunächst, dass sich der projektbasierte Ansatz bewährt hat: Besonders positiv hervorgehoben wurden die schrittweise Arbeit an einem gemeinsamen Projekt, der hohe Praxisbezug, die kreativen Gestaltungsmöglichkeiten sowie die regelmäßige Begleitung durch Lehrende. Gerade die Verbindung von wissenschaftlichem Arbeiten und praktischer Anwendung wurde von vielen Studierenden als gewinnbringende Alternative zu klassischen Seminarformaten wahrgenommen.

Gleichzeitig zeigte sich, dass gerade offene und selbstständige Lernformate eine besonders klare Orientierung und transparente Rahmenbedingungen benötigen. In der Evaluation wünschten sich einige Studierende präzisere Angaben zu Aufgabenstellungen, Fristen und Bewertungskriterien. Für zukünftige Durchführungen wurden die Arbeitsaufträge und Bewertungskriterien deshalb konkretisiert.

Ein weiteres Learning betraf die zeitliche Gestaltung der Projektarbeit. Während der Arbeitsaufwand zu Beginn des Semesters als vergleichsweise gering erlebt wurde, bündelten sich mehrere anspruchsvolle Arbeitsschritte gegen Semesterende. Insbesondere für die Entwicklung und Überarbeitung der Wegweiser wünschten sich Studierende mehr Zeit. Der Seminarplan wurde daher zeitlich neu ausbalanciert und größere Zeitfenster für die Entwicklung der Endprodukte geschaffen.

Die Erfahrungen aus der ersten Durchführung flossen damit unmittelbar in die Weiterentwicklung des Seminarkonzepts ein. Die daraus entstandene Prototyp-Version des Moodle-Kurses bündelt die überarbeiteten Materialien, Aufgabenstellungen und Abläufe und kann als Grundlage für zukünftige Durchführungen des Seminars genutzt werden.

Antragsteller*innen für den 35. Durchgang des eLearning-Wettbewerbs 5x5000: Prof. Dr. Marie Hennecke, Lukas Berndt, Joniada Agalliu
Autorin des Blog-Beitrags: Zeynep Börek (Wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt)
„Es ist schön zu sehen, wie sich eine tolle Konzeptidee zu einem konkreten Lernangebot mit öffentlichen Ergebnissen entwickelt hat, von denen auch weitere Studierende profitieren. Das ich das Projekt im Rahmen meiner eTeam Digi-Tätigkeiten auf verschiedenen Stationen begleiten durfte, war für mich eine besondere Erfahrung. Von der Projektidee und dem Gewinn beim 5x5000-Wettbewerb über die Unterstützung beim Aufbau der Moodle-Kurse hin zu den Handlungsempfehlungen, die auch ich in meinem Studium nutzen kann.“
- Jennifer Majorowski, studentische Mitarbeiterin im eTeam Digitalisierung -

Autorin des Beitrags

Autorin des Beitrags_Zeynep Betuel Boerek
Zeynep Börek (Bildquelle @Börek)
Mein Name ist Zeynep Betül Börek und ich studiere im Masterstudiengang Klinische Psychologie und Psychotherapie an der RUB. Dort bin ich als wissenschaftliche Hilfskraft mit Bachelor sowohl am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie als auch am Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit tätig. Am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie unterstütze ich seit 2024 verschiedene Forschungs- und Lehrprojekte. Dazu gehört auch das durch das Förderprogramm „5x5000“ geförderte E-Learning-Projekt, in dessen Rahmen ich an der inhaltlichen Konzeption und digitalen Gestaltung des hier vorgestellten Moodle-Kurses mitgewirkt habe.

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