Haben Sie schon einmal einen Test gemacht, um herauszufinden, welcher Lerntyp Sie sind? Ob Sie z.B. eher durch visuelle Aufbereitungen eines Lerninhalts lernen, oder ob Sie als auditiver Typ vor allem durch’s Zuhören lernen? Dann sind Sie einer „urban legend“ verfallen, einem Lernmythos. So werden verbreitete Annahmen über Lernprozesse bezeichnet, die wissenschaftlich nicht haltbar sind.
Hartnäckig und weit verbreitet
Wenn Sie dem Mythos der Lerntypen bisher Glauben geschenkt haben, dann sind Sie damit in guter Gesellschaft. Unzählige Tests und Internetbeiträge befeuern diesen Mythos seit Jahrzehnten, obwohl es keine Evidenz für ihre Existenz gibt.
Warum hält sich der Mythos der Lerntypen dennoch hartnäckig? Mythen wie z.B. die Lerntypen (oder die Lernpyramide, die Vergessenskurve, die Unterscheidung in eine kreative und eine analytische Gehirnhälfte und viele andere) haben eine starke narrative Kraft. Sie vermitteln klare, eingängige Botschaften und sie basieren ein Stück weit sogar auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Korrelation ohne Kausalität
Allerdings wird diese wissenschaftliche Basis zumeist falsch interpretiert oder zu stark vereinfacht. Manchmal wird von Einzelbeobachtungen auf Allgemeines geschlossen („Bei mir ist das so – also ist es immer so!“) oder Kausalität und Korrelation werden verwechselt. Manchmal beruhen Lernmythen auch auf angeblichen Zitaten berühmter Personen wie Albert Einstein. Für Marketing-Zwecke kann das sehr dienlich sein, mit Evidenz hat das aber nichts zu tun.
Falsche Überzeugungen über sich selbst
Das Problem daran: Lernmythen können zu falschen Selbsteinschätzungen und tief verankerten Glaubenssätzen führen. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist als Grundhaltung nicht förderlich für lebenslanges Lernen. Und wenn Sie glauben, dass Sie ein auditiver Lerntyp sind, dann kann das Auswirkungen auf Ihre Leistung haben. Dann glauben Sie möglicherweise, dass Sie gut in Sprachen und schlecht in Mathe sind, selbst wenn dieser Glaube nichts mit Ihren tatsächlichen Talenten zu tun hat.
In der Lehre können solche Fehl-Vorstellungen auch für die Lehrperson und dadurch für die Studierenden Folgen haben. Nehmen wir mal an, Sie halten eine Vorlesung und vermuten, dass Ihre Studierenden mehrheitlich auditive Lerntypen sind. Dann verzichten Sie möglicherweise auf Grafiken, weil „die sind ja nur etwas für visuelle Lerntypen“. Sie verschenken mit so einem Schubladendenken viel Potenzial, Ihre Vorlesung lernförderlich zu gestalten. Die Folge sind ineffektive/unwirksame Lernprozesse.
Die Hattie-Studie attestiert der Einteilung von Lernenden in Lerntypen einen negativen Effekt.
Um das in Evidenz zu verpacken: Zahlreiche Studien widerlegen die Wirksamkeit der Lerntypen. Die international bekannte Metaanalyse von John Hattie, die zumeist als „Hattie-Studie“ bezeichnet wird, attestiert der Anpassung von Lernmethoden an Lerntypen eine Effektstärke von Null, der Einteilung von Lernenden in die Schublade der Lerntypen sogar einen negativen Effekt was den Lernerfolg von Lernenden angeht.
Entkräftung von Lernmythen in sieben Schritten
Es gibt erprobte Wege, Lernmythen zu entkräften – sowohl für Sie als Lehrperson als auch gemeinsam mit Ihren Studierenden. Dazu können Sie z.B. diese sieben Schritte durchlaufen:
- Benennen Sie den Mythos und beschreiben Sie dessen Kernaussage.
- Erklären Sie, was der Denkfehler an dieser Aussage ist.
- Erzählen Sie die Geschichte hinter dem Mythos und woher er stammt. Nennen Namen, Orte, Daten, Ereignisse. Nutzen Sie Storytelling.
- Liefern Sie evidenzbasierte Fakten, die begründen, warum der Mythos so nicht zutrifft.
- Zeigen Wertschätzung gegenüber dem (in der Regel vorhandenen) wahren Kern des Mythos und erklären Sie, was wir trotzdem daraus lernen können.
- Beschreiben evidenzbasierte alternative Vorgehensweisen, Wege und Methoden zu lernen und begründen Sie, warum diese wirksamer sind.
- Fassen Sie abschließend kurz zusammen, warum es sich um einen Lernmythos handelt, was wir trotzdem daraus lernen können und zeigen Sie wirksame Alternativen auf.
Im Beispiel der Lerntypen gilt für den fünften Punkt z.B.: Ein wichtiges und weithin akzeptiertes Modell in der Forschung zum multimodalen Lernen ist die Dual-Coding-Theorie, der zufolge wir Bild- und Textinformationen mit zwei unterschiedlichen Kanälen wahrnehmen. Haben wir erfolgreich gelernt, wurden die Informationen aus beiden Kanälen verbunden, mit unserem Vorwissen verknüpft und zu einem kohärenten Modell im Langzeitgedächtnis zusammengefügt (Kohärenzbildung).
Wertschätzung und Empathie
Deshalb gilt für Ihre (imaginäre) Vorlesung und jede andere Lehrveranstaltung: Gestalten Sie Lernumgebungen so, dass eine schnelle und sinnvolle Verknüpfung von zusammengehörigen Bild- und Textinformationen gefördert wird. Und wenn Sie im Gespräch mit Studierenden feststellen, dass diese an den Mythos Lerntypen glauben, dann passen Sie idealerweise ein bisschen auf, wie Sie den Mythos entkräften. Gehen Sie mit so viel Wertschätzung wie möglich vor. Denn möglicherweise sind persönliche Glaubenssätze und damit ein Teil der eigenen Identifikation davon geprägt, und diese Selbstvorstellungen zu dekonstruieren bedarf einer umsichtigen Vorgehensweise.
Einen umfangreichen Beitrag zu Lernmythen finden Sie im LEHRELADEN.
In diesem Blog veröffentlichen wir eine Serie, in der wir das Leitbild zu Lehre und Studium konkretisieren und zeigen welche Beispiele, Möglichkeiten und Ansprechpartner*innen es hier an der RUB gibt. Lesen Sie doch mal rein!
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